Gut und Böse – Gott und Atheist

 

Im Sommer 1986 veranlasste mich die Aussage meiner damaligen, katholisch erzogenen Freundin, dass für sie das „Böse“ in Form des Teufels figürlich greifbar sei, zu den nachfolgenden Überlegungen. Sie sind teilweise etwas unsortiert und scheinbar widersprüchlich. Da sie gleichwohl als Denkanregung Anlass für weitere, individuelle Überlegungen bieten können, wurde auf eine grundlegende Überarbeitung verzichtet.
Unabhängig davon stehen sie – obwohl 1986 verfasst – bereits im Kontext mit den zwischen 2008 und 2013 entstandenen Überlegungen des Biblikon-Projektes.
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Gut und Böse – Gott und Atheist

Von der Systemimmanenz der Werte

Die Menschen neigen dazu, Handlungen und Wünsche, Menschen sowie deren Denken in GUT und BÖSE zu kategorisieren. Sie neigen weiterhin dazu, diese ihre Einteilung und Einstufung in die Schubladen ethischer Beurteilung radikal und absolut zu vertreten. Dabei werden sie sich nicht bewusst, dass die Antwort auf die Frage, die sie sich selbst beantworten ohne zu wissen, dass sie sie überhaupt gestellt haben; dass diese Antwort auf die Frage nach dem GUTEN und dem BÖSEN immer nur eine Antwort im Rahmen eines vorbestimmten Wertesystems sein kann.
GUT und BÖSE sind Werte, die immer systemimmanent gesehen werden müssen und die Beurteilung kann nie innerhalb desselben, sondern nur von Wertesystem zu Wertesystem unterschiedlicher Natur sein. Folglich kann es „Das Gute“ oder „Das Böse“ als universalen Maßstab per se nicht geben – es sei denn, wir setzen ein Wertesystem, dessen Bezugsrahmen universell ist. Erst das Bezugssystem macht die Begriffe greifbar und begreifbar.
Innerhalb von Gesellschafts- beziehungsweise Gemeinschaftsformen bilden GUT und BÖSE im optimalen Falle einen feststehenden gesellschaftlichen Konsens, der sich in erster Linie an dem Gemeinwohl orientiert. Insofern liegt diesem Konsens gleichwohl die Möglichkeit der Diskrepanz zwischen dem kollektiven GUT und BÖSE und dem individuellen GUT und BÖSE inne.
BÖSES Verhalten in kollektivem Sinne richtet sich gegen die Gemeinschaft selbst. Es kann, wenn es durch ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen den gesellschaftlichen Ausschluss nach sich ziehen. Die Liquidierung als Folge BÖSEN Verhaltens ist in menschlichen Gemeinschaften auch heute noch ein nicht untypisches Vorgehen. Das „Böse“ wird so nicht nur symbolisch, sondern auch physisch vernichtet, was gleichzeitig dem Ziel dient, den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft sowohl exemplarisch „böses“ Verhalten zu dokumentieren als auch dessen Folgen für den Einzelnen zu deklarieren.
Die ‚harmlosere‘ weil das Individuum nicht existenziell vernichtende Methode ist der Ausschluss aus der Gemeinschaft: Verbannung, Inhaftierung oder ein sonstwie gearteter, physischer Ausschluss aus der Gemeinschaft sind verhaltenstypische Formen der Reaktion auf das ‚böse‘ Verhalten des Individuums. Wir finden analoges Verhalten selbst in höher entwickelten tierischen Gemeinschaften. So sei exemplarisch an den ausgestoßenen alten Elefantenbullen erinnert, den seine Herde nicht mehr dulden mochte, da sie sein Verhalten – ob bewusst oder unbewusst – als gemeinschaftsschädlich betrachtet. In den mittelalterlichen Gemeinschaften Europas fand sich für diesen Ausschluss der Begriff der „Vogelfreiheit“. Vogelfrei zu sein bedeutet nichts anderes als den Gesellschaftsausschluss aufgrund ‚bösen‘ Verhaltens. Vogelfreiheit ist gleichbedeutend mit dem Wegfall der gesellschaftlichen Schutzfunktion und stellt so die permanente Bedrohung der individuellen Existenz dar. Letzteres wiederum wurde als gerechte, auch göttliche Strafe für ein „böses“ weil nicht dem vorgegebenen gesellschaftlichen Konsens adäquates Verhalten als „gut und richtig“ empfunden.
Der Versuch des Individuums, eigene, von der kollektiven Auffassung abweichende GUT-BÖSE-Maßstäbe zu setzen, muss allein deshalb schon die negative Reaktion der Gemeinschaft zur Folge haben, weil dadurch das kollektive Wertesystem in seinen Grundfesten erschüttert werden kann. So ist jede Form der Revolution ein Versuch, bestehende GUT-BÖSE-Einteilungen durch andere zu ersetzen.
Folglich ist zu unterstellen, dass der Wertewandel innerhalb bestehender Bezugssysteme stattfinden kann und stattfindet. Eine kollektiv begangene BÖSE Handlung im Sinne eines bestehenden Wertekonsenses wird allein schon deshalb nicht mehr ‚böse‘ sein können, weil ihr mit der Kollektivität der notwendige gesellschaftliche Konsens zugrunde liegt, um sie als GUT zu definieren.
Keine Gesellschaft wird sich selbst als ‚böse‘ ansehen, weil die Unterteilung in GUT und BÖSE nichts anderes bedeutet als die Antwort auf die Frage nach dem ‚nützlich‘ oder dem ‚gefährlich‘ für die Gemeinschaft. Selbst wenn eine Gemeinschaft gemeinschaftsgefährdendes Verhalten zeigt, wird sie dieses solange als GUT bezeichnen, solange der kollektive Konsens dahinter steht: Die Mehrheit der Deutschen wird in Hitler keine Inkarnation des Bösen gesehen haben können, solange ihre individuellen Bedürfnisse durch ihn nicht direkt gefährdende Eingriffe erleiden mussten – aus individueller Sicht des Kollektivs wäre auch der Massenmord an Juden keine individuelle Gefährdung für das Selbst des einzelnen, solange er nicht der gefährdeten Gruppe angehört. Erst eine übergeordnete Werteordnung wäre in der Lage, in derartigen Situationen die GUT-BÖSE-Unterscheidung geltend zu machen.
Ist es nun vielleicht das BÖSE an sich, eine bestehende, übergeordnete Werteordnung durch eine neue zu ersetzen? Ja, soweit die Beurteilung aus der Sicht der Verfechter der alten Ordnung erfolgt. Nein aus Sicht derjenigen, die die neue Werteordnung vertreten? Und objektiv – soweit eine objektive Beurteilung überhaupt möglich ist?

Gesellschaftsevolution und Revolution
Im gesellschaftsevolutionären Prozess sind es kleine, kaum merkliche Schritte, die tagtäglich erfolgen und die die Wertekoordinaten von GUT und Böse kaum merklich verschieben. Im revolutionären Prozess erfolgt die Verschiebung nicht mehr unmerklich, sondern tektonisch radikal. Der gesellschaftsevolutionäre Prozess sichert unmerkliche Veränderungen, verzichtet auf Verwerfungen.
So stellt sich die Frage, wann und warum dieser beständige Prozess gelegentlich in die revolutionäre Phase übertritt, und sie beantwortet sich durch die Annahme, dass der evolutionäre Prozess zu bestimmten Zeitpunkten nicht mehr genügt, um den sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen im Sinne eines GUT-BÖSE-Konsenses noch gerecht werden zu können. Die Revolution ist somit das gesellschaftliche Erdbeben, das dann unvermeidbar wird, wenn die aufgebauten Spannungen sich nicht mehr über kleine, kaum merkliche Beben abbauen können.
Die Revolution ist eine ‚böse‘ Handlung nur aus Sicht des an der bisherigen Ordnung festhaltenden Individuums. Wenn dieses in die Minderheit gerät, wenn der gesellschaftliche Konsens sich derart wandelt, dass die ursprüngliche Werteordnung im Extremfalle sogar umgekehrt wird – ist das die Situation, in der GUT zu BÖSE und BÖSE zu GUT wird?

Wenn BÖSE zu GUT wird

Die Apokalypse des Johannes kritisiert den Sieg des BÖSEN mit dem Satz: „Und alle, die auf Erden wohnen, beten es an.“ Sie bewegt sich damit in die Falle von selbst definierten Wertekonsens als GUT und Mehrheitskonsens als BÖSE. Denn wenn „alle, die auf Erden wohnen“, das BÖSE anbeten – ist es dann noch BÖSE? Ist es dann nicht vielmehr das, was als breiter Mehrheitskonsens – im Falle des „alle“ sogar als Kollektivkonsens – angebetet wird, das GUTE?
Eine neu Werteordnung kämpft gegen eine alte und umgekehrt – und es ist nicht von vornherein entschieden, welche der Ordnungen gewinnt. Jede Revolution tut dieses und es ist bezeichnend, dass das, was ursprünglich als revolutionär betrachtet wurde, was den Willen definierte, die herkömmliche Ordnung und mit ihr das herkömmliche Wertesystem umzukehren, nach dem Sieg der Revolution genau dasselbe ist wie das von ihr bekämpfte: Ein Wertesystem, dass einen gesellschaftlichen Konsens bilden soll. Wenn es dieses nicht schafft, dann war es nicht erfolgreich oder außer Stande, sich als Wertesystem zu etablieren. Eine gescheiterte Revolution ist insofern nichts anderes als ein gescheitertes Wertesystem.
Da das GUT-BÖSE-System auf einem kollektiven Wertekonsens beruht, wird davon auszugehen sein, dass es den Erfahrungsbereich des Individuums (im Sinne der SelbsterfahrungsErfahrung) häufig und in vielen Segmenten übersteigt. So wird es unumgänglich, jeden auf einen längeren Zeitraum ausgelegten Wertekonsens über eine unangreifbare ‚höhere‘ Ordnung abzusichern, ihn gegen individuelle Anfechtungen und Angriffe zu immunisieren.
Es kann durchaus dieser Ablauf sein, der als wesentliche Ursache unbewusster Religionsgründung zu verstehen ist. Somit wird auch nachvollziehbar, dass das Entstehen neuer Religionen jederzeit möglich ist.
Was gibt uns heute die Sicherheit, dass nicht in einigen Jahrhunderten beispielsweise Karl Marx ein Prophet ist, den Millionen Menschen ähnlich verehren, wie dieses heute im Falle des Jesu Christi oder des Mehemed der Fall ist. Der göttliche Olymp entsteht nicht, weil ein Gott es will, sondern weil ein menschliches Kollektiv sich die Vorstellung zu eigen macht, dass es ein Gott sei, der sich gezielt ihrem Kollektiv zugewandt habe. Die Idee eines Gottes ersetzt die Notwendigkeit des Hinterfragens eines gesellschaftlichen Konsenses. Sie sichert den Konsens gleichzeitig gegen jedweden Angriff ab, indem sie den Angreifer zum Gottlosen und damit im Sinne der Vogelfreiheit zur physischen Vernichtung bereitstehend erklärt.

Die göttliche Idee manifestiert sich im Kopf

Der Prozess der Vergöttlichung geschieht nicht immer spontan und unmittelbar.
Selbst für den Fall, dass Jesus selbst davon ausgegangen sein sollte, dass er ein leiblicher Sohn seines Gottes war und somit in Sinne und im Auftrage seines Gottes gehandelt habe, erfolgt die Unterstellung, dass es sich dabei um den bereits etablierten Gott der Juden handele, ausschließlich durch die Vertreter der jüdischen Auslegung selbst. Es ist die Bedrohung durch einen vielleicht auch nur partiell anderen Gott, der Jesus gegen den bestehenden Wertekonsens in Position bringt. Der jüdische Klerus kann diesen Gott nicht zulassen, weil er ihre dominierende Stellung in der Definition des Wertekonsenses bedroht. Jesus wird deshalb ermordet – und es ist das Spectaculum der Wiederauferstehung, das das Martyrium fortsetzt und die Grundlage schafft für eine neue Glaubensidee. Dabei spielt es ebenso wenig wie bei den alttestamentarischen Geschichten eine Rolle, ob diese Erzählungen auf historischer Wahrheit beruhen. Entscheidend ist der Glaube daran, dass es so gewesen ist – und die damit verbundene Annahme, dass man innerhalb eines selbst definierten GUT-BÖSE-Systems auf der Seite der Guten steht. Die Eigensuggestion im Sinne dieses sich zu eigen gemachten Systems führt im Extremfall so weit, dass der Gläubige sich selbst niederschlachten lässt für seinen Gott – die Frage nach der Verkehrung des GUTEN in das BÖSE dadurch, dass das Kollektiv-schützende Element des Wertesystems sich zum Kollektiv-vernichtenden Element verkehrt, bleibt ungestellt und unbeantwortet.
Wenn nun der Glaube an ein Gott-begründetes GUT-BÖSE-System unter der Bezeichnung Religion einen Wertekonsens definiert – ist dann nicht auch der Atheismus letztlich nichts anderes als eine Form der Religion, die ihr Wertesystem aus der Negation von Religion bezieht? Auch der Atheismus hat ein Wertesystem, auf das er sich beruft – und in aller Regel ist es ein System, das demjenigen des Gottesgläubigen recht ähnlich ist – nur mit dem Unterschied, dass er die Begründung seines Wertesystems nicht in einem göttlichen Willen, sondern in der menschlichen Vernunft findet.
Man mag es als einfallslos kritisieren, wie der Atheismus ein individuelles Wertesystem ausschließlich aus der strikten Ablehnung eines bestehenden Wertesystems zu definieren ohne gleichzeitig in der Lage zu sein, diesem radikal abweichende, eigene Wertevorstellungen entgegen zu setzen. In dieser Hinsicht wäre der Atheismus tatsächlich eine Religion ohne Gott.

Von der Naturreligion zum Monotheismus

Jedwede Änderung des gesellschaftlichen Konsenses kann in ihrer Konsequenz zur Folge haben, dass das bestehende Wertesystem infrage gestellt werden wird.
Warum aber wandelte der Mensch sein Wertesystem von der Naturreligion hin zum Monotheismus? Waren die Götter der Natur eines Tages nicht mehr anerkennbar, weil sich die Natur zunehmend dem Zugriff und der Veränderung durch den Menschen aussetzte? So könnte es gewesen sein.
Dann wäre der erste Schritt der Religionsentwicklung der Weg vom unmittelbaren Naturgott, vom Gott des Baumes, der Quelle oder des Feuers, derjenige gewesen zu einem Gott des nur noch mittelbaren Naturerlebnisses. Der Donnergott, der Sonnengott oder der Mondgott sind nicht greifbar und dennoch existent. Sie sind die Götter, die mächtiger sind als diejenigen, die das Göttliche im Baum oder Strauch repräsentieren, denn sie können es zerstören. Göttliche Hierarchien sind nachvollziehbar, wenn sie empirisch nachweisbar sind. Der Mensch anerkennt die Macht dessen, was er nicht verändern kann. Er selbst war mächtiger als der Baum, den er umhauen konnte. Aber er ist ohnmächtig gegen den Blitz, der ihn und den Baum erschlägt.
Und dennoch bedarf dieses Modell einer Religion mehrerer Götter. Denn keiner der Götter ist rundum verfügbar. Der Sonnengott zeigt sich nur bei Tag, und so muss es einen Gott geben, welcher bei Nacht das Regiment übernimmt. Der Donner- und der Blitzgott zeigen sich nur selten. Sie sind die Götter des Zornes und der Mensch ist dankbar, dass sie nur gelegentlich in Erscheinung treten.
Was aber geschieht, wenn der eine oder der andere Gott nicht anwesend ist? Ist diese Zeit als ‚gottlos‘ anzusehen? Es wäre dramatisch, einen Zeitraum, und sei es nur die Nacht, als ‚gottlos‘ zu wissen, denn dieses hieße, dass der durch diese Götter repräsentierte Wertekonsens zu diesem Zeitpunkt außer Kraft gesetzt wäre. Es wäre dieses fatal für jede funktionsfähige Gemeinschaft.
Die Götter müssen den Zeitraum ihres Wirkens verlängern, auch über ihre sichtbare Anwesenheit hinaus. Die Abstraktion setzt ein. Im Rahmen dieser Entwicklung liegt es nahe, die Vielzahl der Götter, die durch ihr Wirken auch über ihre Anwesenheit hinaus letztlich alle dieselben Funktionen erfüllen und die in ihrer verifizierbaren Existenz nicht mehr fest an bestimmte Vorgaben gebunden sind, durch den universalen ‚EinGott‘ zu ersetzen, der die Funktionen aller Götter vor ihm übernimmt und als Inkarnation jeglicher göttlichen Macht vor ihm die oberste Machtfunktion im Gefüge der Mensch-Jenseits-Korrelation übernimmt.
Der ‚EinGott‘ hat dadurch, dass er seine Macht nicht mit anderen Göttern teilen muss, den Allmachtsanspruch ebenso wie die Allzuständigkeit. Daneben hat er einen weiteren Vorteil: Während die Götter des Olymps durch ihre Menschennähe und die sie verkörpernde Intrige untereinander den Menschen durchaus verleiten konnte, den Versuch zu unternehmen, die Götter zu überlisten und sich gegen die göttlichen Werte zu vergehen, ist der EinGott nicht mehr fassbar. Der Versuch, die griechischen Götter zu überlisten, ließ zwar nicht selten eine schwere Bestrafung folgen, jedoch zeigt der Fall des Prometheus sehr deutlich, dass das Märtyrertum des Einzelnen den Menschen als Kollektiv gegen den Willen der Götter große Vorteile bringen konnte, ja sie sogar als Menschen den Göttern näher brachte indem es ihnen Fähigkeiten gab, die vorher den Göttern vorbehalten waren. Allein der Ungehorsam gegen den übergeordneten göttlichen Willen ist es, der den Menschen aus der Ebene des Tieres zu dem macht, was ihn ausmacht. In der griechischen Mythologie ist es das besagte Feuer, welches zuvor nur den Göttern vorbehalten war. In der biblischen Erzählung ist es die Geschlechtsfähigkeit, die den Menschen im Paradies ein Stück weit gottesgleich macht, indem er selbst zum Schöpfer wird.

Der menschliche Irrtum

Gleichzeitig ist der abstrakte EinGott als oberste göttliche Instanz gegen diese Gefahr gefeit, durch sein vorgebliches Geschöpf ersetzt zu werden. Selbst wenn seine irdischen Vertreter irren, selbst wenn sein menschgeborener Sohn wie im Falle des Jesus Christus Versuchungen ausgesetzt wird und an der Macht seines Gottes zweifelt („Vater, Vater, warum hast Du mich verlassen?“), so ist dadurch die Existenz Gottes selbst nicht infrage zu stellen. Es sind die Fehler und Irrtümer seiner irrdischen Verfechter, die den Irrtum wie den Widerspruch in sich tragen. Und er lässt sich darauf zurückführen, dass sie eben doch nur Menschengeborene sind.
Menschen jedoch dürfen nicht nur irren, sie müssen irren, denn wenn sie dieses nicht täten, gäbe es keinen wesentlichen Unterschied (denn selbst die Sterblichkeit ist mit dem Glauben an das Weiterleben nach dem Tode durch Gott selbst außer Kraft gesetzt worden) mehr zwischen den Menschen und Gott. Wenn der Mensch nicht mehr irrt, ist die Existenz Gottes abschließend überflüssig.
Doch diese Gefahr besteht nicht – weder aus der Sicht des Gläubigen noch der des Atheisten. Der Mensch ist als lebendes Wesen (im Sinne der fassbaren Realität) am vorläufigen Ende einer evolutionären Kette naturbedingt gezwungen, zu irren, also Handlungen zu vollziehen und Gedanken zu denken, die weder unbedingt der Logik entsprechen müssen noch ihm selbst oder seiner Gattung optimal dienen. Insofern wird immer dieser eine Unterschied zwischen Mensch und Gott bestehen bleiben: Gott ist der Idealzustand der unerreichbaren Zielprojektion menschlichen Seins, und er bleibt letztlich unerreichbar, so sehr sich die Menschen auch diesem Idealzustand annähern zu können glauben.
Einen scheinbaren Einbruch hat der Glaube an Gott erlitten, als der Fortschritt der Naturwissenschaft die Grenzen menschlichen Denkens beständig erweiterten, als der Vorstoß ins All auch die Frage aufwarf, wo denn der himmlische Gott wohl zu finden sei, wenn nicht ‚da oben‘.
Die Unsinnigkeit dieser Frage offenbart, dass der archaische Glaube an die Naturgötter auch durch das Abstraktum des Christentums nicht endgültig beseitigt werden konnte. Dabei erhielt es seine Begründung nicht zuletzt durch die Bibel selbst. Der Heilige Geist fährt aus dem Himmel hernieder zu Maria, um sie zu schwängern. Der Gekreuzigte blickt zum Himmel, als er den Kontakt zu seinem göttlichen Vater sucht. Und ist es nicht Jesus selbst, der zum Himmel fährt nachdem er wiederauferstanden ist? Dabei hätte doch eine einzige Frage genügt, um die Unsinnigkeit des himmlischen zu erkennen. Wenn Gott universell ist und er für alles steht, was wir sind und was uns umgibt – dann ist er hier. Unmittelbar – wenn auch nicht sichtbar. Der vom Himmel kommende Heilige Geist ist der lebende Widerspruch zu der Idee des allmächtigen Gottes, denn er verortet Gott. Ein verorteter Gott aber ist weder universell noch allmächtig. Und so paaren sich nicht nur in den Evangelien vor-momotheistische Göttervorstellungen mit einem universellen Gottesanspruch.
Himmel, dass war vor 2000 Jahren etwas unerreichbar Fernes. Es war es noch vor hundert Jahren. So bot es sich an, den gedachten, gewünschten oder auch erhofften Gott dort anzunehmen – und die beiden Monotheismen, die sich anders als die mosaische Philosophie des Bildes von Himmel und Hölle als nachirdischem Aufenthaltsort bedienten, griffen zurück auf die Glaubenswelt ihrer Vorgänger, wenn der Hades die Hölle ist, über den man durch den Eingang zur Unterwelt kommt, und das Paradies als himmlisch definiert wird.
Vorrangig das Christentum als Glaubensphilosophie der Europäer ist mit der Aufklärung gezwungen gewesen, sich ständig neue Dimensionen zu suchen und scheinbare Doktrinen und Bibelfestlegungen zur Parabel umzudeuten, wenn sie in ihrer wortwörtlichen Anwendung versagten. Nicht zuletzt Darwins Evolutionstheorie zwang die Kirche zu einem Prozess des Umdenkens.
Kann der Mensch noch das Abbild Gottes sein, wenn der Mensch sich aus einem affenähnlichen Vorfahren entwickelt hat und irgendwo ganz zu Beginn der Evolution ein gemeinsamer Einzeller steht? Hieße das nicht, dass auch Gott als Einzeller gestartet sein müsste?
Die Vorstellung eines EinGottes als menschenähnliches Wesen ist unsinnig. Nicht der Gott bewegt sich auf den Menschen zu, sondern es ist der Mensch, der sich ständig in Richtung auf die Vollkommenheit Gottes hin zu bewegen hat ohne diese jemals erreichen zu können. So ist es tatsächlich auch nicht nötig, sich von Gott ein Bild machen zu wollen. Denn wenn Gott die Vollkommenheit ist und gleichwohl wir wenn nicht nach seinem Abbilde so jedoch mit dem Ziel, ihm gleich zu werden, auf der Erde wandeln, ist die Vorstellung absurd, Gott könne so aussehen wie ein Mensch. Denn wir können und kein Bild machen davon, wie die letzte Stufe der evolutionären Entwicklung des Menschen – falls es eine solche überhaupt geben kann – aussieht. Um gottesgleich in der Anmutung zu sein, müssten wir diesen Zustand kennen. Wenn aber die Evolution keinen Endpunkt kennt, dann gibt es auch keinen figürlichen Gott. Folglich auch orientieren wir uns als Menschen auch nicht an einer scheinbar göttlichen Gestalt – Gott aber, dieses Nichts, das in unseren Köpfen entsteht, orientiert sich an uns. Er ist uns immer voraus, soweit wir uns auch entwickeln mögen. Denn die göttliche Idee ist – ob für den bekennenden, auf einen bestimmten Gott fixierten Gläubigen oder für den bekennenden Atheisten – immer das Ziel der eigenen Vervollkommnung. Mit jedem Tag unserer Existenz werden wir ein wenig göttlicher, um dennoch eine göttliche Existenz niemals erreichen zu können. Deshalb auch wird die göttliche Idee zu jedem Zeitpunkt definieren, was GUT und was BÖSE ist – nur sind wir diejenigen, die es zu erkennen und für uns selbst zu interpretieren haben.
Dieses bedeutet nichts anderes, als dass Gott in uns und nirgendwo sonst ist. Und als solcher bedarf er keiner Machtstrukturen auf der Erde, sondern nur der Macht seiner selbst.

© 1986 – 2014 Spahn

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