China auf dem Weg zur Weltmacht – Russland auf dem Weg ins Aus

Kaum bemerkt von der deutschen Öffentlichkeit sind in den vergangenen vierzehn Tagen einige Träume unter heftigem Knall geplatzt. Aber zugegeben: Der Knall war nur in Moskau zu hören.

power of sibiria

Auf die völkerrechtswidrige Annektion der ukrainischen Krim und die Quasi-Besetzung des Donbas reagierte „der Westen“ so, wie er das immer zu tun pflegt, wenn er ohne Waffeneinsatz in einen Krieg zieht: Er sanktionierte den Übeltäter und konzentrierte sich dabei maßgeblich auf einige besonders enge Vertraute des Kremlchefs. Der allerdings nahm es übel und wollte einmal mehr seinem Volk gegenüber den großen Macher geben. Medienwirksam wurden Importe aus den bösen Sanktioniererländern vernichtet und diese Sanktionierer nunmehr selbst sanktioniert. Gleichzeitig fasste der Zar aller Reußen den Entschluss, nun endlich selbst aktiv in die Weltwirtschaft einzusteigen und jene ohnehin auf dem absteigenden Ast gewähnten Länder Euro-Amerikas auszuspielen. Wichtigster Partner bei diesem ganz großen Rad sollte der südöstliche Nachbar China werden, der sich seit einigen Jahren vom kommunistischen Entwicklungsland zum führenden Akteur auf dem Weltmarkt gemausert hatte.

Russland gründet die chinesische Weltbank

Die russischen Propagandaorgane feierten den prosperierenden Nachbarn in höchsten Tönen. Von einer Energiepartnerschaft war die Rede, und – wie kann es bei den von ihrem militärisch-industriellen Komplex seit Sowjetzeiten geprägten Russen anders sein – von einer militärisch-strategischen Partnerschaft. Manch westlicher Kommentator wähnte nun schon die bevorstehende Ablösung der westlichen Dominanz – und dieses umso mehr, als des Kremls Putin auch noch werbewirksam die sogenannten BRICS-Staaten mit ins Boot der antiamerikanischen Phalanx zu holen schien. BRICS – das steht für jene sogenannten Schwellenländer, die, wenn sie nicht doch noch im letzten Moment über Korruption und die Selbstvernichtung ihrer natürlichen Ressourcen stolpern, die realistische Chance hätten, in den Club der führenden Industrienationen aufzusteigen. Namentlich sind es Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.

Auf Initiative Putins gründeten diese BRICSler am 15. Juli 2014 als Konkurrenz zur Weltbank die „New Development Bank“ – und China sicherte sich gleich einmal sowohl mit 41 Milliarden Dollar (Brasilien, Indien, Russland je 18, Südafrika 5 Milliarden) Einlagekapitalanteil und dem Hauptbanksitz in Shanghai jeden Zugriff auf dieses Projekt, das aus russischer Sicht zu einer Art Befreiungsschlag gegen die Dominanz der USA im Weltfinanzwesen werden sollte.

Russland baut Chinas Pipeline

Die von Russland so sehr herbeigesehnte, innige Partnerschaft mit dem gelben Wirtschaftsriesen hatte bereits im Mai 2014 zu einem umfassenden Vertrag über Gaslieferungen aus Zentralsibirien nach China geführt. Das Reich der Mitte, so verkündete Russlands Propagandaorgan RT stolz, werde von Russland „die nächsten 30 Jahre lang“ mit jährlich 38 Milliarden Kubikmetern Gas beliefert – die erhoffte Alternative zu den unbotmäßigen Europäern, die sich nach Russlands Aggression gegen die Ukraine entsetzt nach neuen Energielieferanten umsahen. Das Problem bei diesem Vertrag: Die Pipelines mit den stolzen Namen „Kraft von Sibirien“ 1 und 2 müssen erst gebaut werden. Zwar kam es mittlerweile zum symbolischen Spatenstich, doch Kenner der russischen Strukturen bezweifeln, dass das Gas tatsächlich wie verkündet ab 2018 strömen wird. Sibiriens Kraft 1 soll die Felder auf der zentralsibirischen Platte mit Irkutsk am südlichen Baikalsee verbinden. Sibiriens Kraft 2 sodann im großen Bogen nördlich von Baikalsee und mongolischem Hochplateau in das mandschurische Chabarowsk am Amur und von dort in das am Pazifik gelegene, ebenfalls mandschurische Wladiwostok führen.

Bei diesem Mammutprojekt kann China nur der Gewinner sein – selbst dann, wenn Russland nicht bis 2018 in der Lage sein sollte, wie vereinbart zu liefern. Denn der größte Teil der projektierten Pipeline liegt auf Territorien, von denen China ohnehin erwartet, sie bis zum Ende dieses Jahrhunderts wieder in sein Reich aufgenommen zu haben.

Russland verpachtet China altchinesisches Territorium

Um das zu verstehen, ist ein kurzer Blick in die Geschichte unverzichtbar – denn die Geschichte der Kolonisation Nordasiens durch russische Kosaken ist seit dem ersten russisch-chinesischen Kontakt im 17. Jahrhundert auch eine Geschichte der Demütigung Chinas durch Russland. Nach einem ersten bewaffneten Konflikt war 1689 im Vertrag von Nertschinsk das Gebiet nördlich wie südlich des Amur dem Reich der Mitte zugesprochen worden. Die russischen Zaren aber setzten ihre Expansion fort, und so kam es 1858 im Vertrag von Aigun zur Abtretung der nördlich des Amur gelegenen, chinesischen Territorien an den Nachbarn im Norden. Gleichzeitig wurde für die Äußere Mandschurei zwischen Ussuri und Pazifik eine gemeinsame Nutzung vereinbart. Doch auch damit gab sich Russland nicht zufrieden und annektierte schon zwei Jahre später, als China im Opiumkrieg gegen England unterlegen war, die Pazifikprovinz. Russlands Expansion schritt in den kommenden Jahren voran bis an das Gelbe Meer, wo sie Chinas Hauptstadt bedenklich nahe kam. Erst Japan, das sich ebenfalls zu Lasten Chinas kontinental ausdehnen wollte, machte 1904/05 mit dem Überfall auf den südrussischen Hafen Port Arthur / Dalian und der Landschlacht bei Mukden dem russischen Expansionismus ein Ende. Die Söhne Nippons erhielten so – ungewollt – die südmandschurischen Provinzen den Chinesen.

China hat diese Landnahme niemals vergessen – und auch wenn es sie nicht offen einklagt, arbeitet es beharrlich daran, diese Gebiete heim ins großchinesische Reich zu holen. Seit Jahren sickern über die grüne Grenze chinesische Siedler ins Land, während die demografisch immer weniger werdenden Russen ihre Zukunft im Westen der russischen Landmasse suchen. Das Muster, wie man bei einer Schwächephase des Nachbarn auf die Schnelle mit vermeintlichen Schutzansprüchen gegenüber eigenen Volksangehörigen ganze Provinzen übernimmt, hat Putin den Chinesen 2014 auf der Krim frei Haus geliefert – einschließlich der Erkenntnis, dass der Westen einer solchen Aktion weitgehend unbeteiligt zuschaut und es gerade im Falle einer gegen Russland gerichteten Aktion bei einigen Protesten bewenden lassen wird.

Im Vorgriff auf die Heimholung hat China mit der Regionalregierung der an die chinesische Innere Mongolei angrenzenden Region Transbaikalien, der früheren Oblast Tschita, und den dort siedelnden sibirischen Burjaten einen landwirtschaftlichen Nutzungsvertrag abgeschlossen, mit dem China ab sofort für 49 Jahre 115.000 Hektar und ab 2018 weitere rund 85.000 Hektar pachtet und landwirtschaftlich erschließt. 24 Milliarden Rubel auf Stand Juni 2015 wird China allein in die Entwicklung des erstes Loses stecken. Und dafür mindestens 3.000 Menschen benötigen, um erfolgreich zu sein. Menschen, die mit dem Segen Moskaus aus China nach Transbaikalien umsiedeln werden – glaubt jemand im Ernst, dass China diese Investition und seine sibirischen Chinesen, die sich bis 2065 auf natürliche Weise deutlich vermehrt haben werden, nach dem Auslaufen des Pachtvertrages einfach den Russen überlassen wird?

Unabhängig davon, wann – nicht ob – die Chinesen ihre in den vergangenen 350 Jahren an Russland verlorenen Provinzen zurück holen, verläuft insbesondere Sibiriens Kraft 2 fast ausschließlich durch Gebiete, die nach chinesischem Verständnis immer chinesisch waren auch dann, wenn Peking darüber vorübergehend keine Verwaltungshoheit hat. Insofern ist insbesondere dieser zweite Abschnitt der Pipeline eine Investition in Chinas Zukunft – nicht in Russlands. China freut sich, sie sich von den Russen finanzieren lassen zu können und erblickt darin eine kleine Wiedergutmachung für erlittene Schmach.

Russland zeigt China sein Militärpotential

Damit nicht genug. Um den im Endkampf gegen das amerikanische Reich des Bösen herbeigesehnten Partner China fest anzubinden, kommt es im Sommer 2015 zu gemeinsamen Manövern der russischen und der chinesischen Marine im Mittelmeer und im Pazifik. China, das dank Käufen russischer Militär- und Raumfahrttechnik zwischenzeitlich nicht nur ein eigenes Raumfahrtprogramm auf Sojus-Basis erfolgreich ins All gebracht hat, sondern mittlerweile sogar darüber nachdenkt, mit einem auf verbesserter russischer Technologie basierenden Jäger namens Chengdu J-20 in Waffenexportkonkurrenz zu Russland zu treten, hatte in diesem Sommer offenbar genug gesehen, um Russlands Seemacht im Sinne eigener Strategien einschätzen zu können.

Kaum waren die Manöver mit dem Barbarenreich im Norden abgeschlossen, verkündete Chinas Premier Li Keqiang beim Besuch der deutschen Kanzlerin den Abschluss von Wirtschaftsverträgen in Höhe von 18,6 Milliarden Euro. Der Löwenanteil davon geht mit 15,4 Milliarden Euro in den Erwerb von Airbus-Zivilflugzeugen – für Russland so etwas wie ein Tiefschlag, denn dessen Zivilluftfahrtindustrie schwächelt bedenklich und bekommt seit geraumer Zeit kaum ein Bein in den globalen Absatz.

Doch damit nicht genug. Kaum war in Moskau der Schmerz über dieses den vorgeblich gemeinsam vereinbarten Angriffen gegen die kapitalistischen Erzfeinde widersprechende Vorgehen einigermaßen abgeklungen, traf sich Chinas Führung mit den Chefs aus Japan und Süd-Korea. Man vereinbarte, die wegen zahlreicher Differenzen abgekühlten Beziehungen wieder zu intensivieren und sich regelmäßig in friedlicher Atmosphäre zu treffen. Wie zuvor schon mit Deutschland wurde nun auch mit den asiatischen Nachbarn vereinbart, gemeinsame Freihandelsabkommen zu erarbeiten.

All das lässt Putins Propagandageklingel der vergangenen Monate wie eine schlecht durchdachte Laien-Inszenierung aussehen. Der Mann im Kreml ist der große Verlierer und China ist seiner Idee von der Weltführungsmacht des 21. Jahrhunderts mit BRICS-Bank-Sitz und Sibirien-Pipeline einen großen Schritt näher gekommen.

Mit Putin nur gespielt

Dabei hätte für Putin ein Blick auf die Wirtschaftsdaten ausreichen müssen um zu erkennen, dass China niemals bereit sein wird, seine engen Beziehungen zum Westen gegen die mit einem wirtschaftlich mehr als schwächelnden Russland einzutauschen. Denn ohne „den Westen“, ohne die USA, Japan, Südkorea, Taiwan, Deutschland und Australien bräche Chinas Außenhandel zusammen – der Aufstand der mittlerweile an den Wohlstand gewöhnten Chinesen würde Chinas KP wie mit einem Monsun hinwegfegen. Brachten die „Westler“ einschließlich Malaysia den Chinesen beispielsweise 2013 über 1,7 Billionen (1.700.000.000.000) Dollar Umsatz, kam Russland schon vor der von ihm verursachten Krise damals gerade auf 89 Milliarden. Es wurde dabei sogar noch von Brasilien mit 90 Milliarden überflügelt.

China – diese Erkenntnis scheint sich mittlerweile auch in Moskau durchzusetzen – hat mit Russland gespielt. Putin, der sich selbst für den besten Zocker der Gegenwart hält und in dieser Selbsteinschätzung durch das Verhalten der NATO-Staaten ständig bestärkt wird, wurde von den nur noch wenig kommunistischen Konfuzianern trefflich an die Wand gepokert. Gegenüber China sitzt er nun mit leeren Händen und den Taschen voller Schuldverschreibungen da, die sein ohnehin am Abgrund taumelndes Land weiter in die Katastrophe führen werden. Ihm rinnt nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit unter den Fingern dahin. China dagegen kann warten – auf die Sibirische Pipeline und darauf, dass seine früheren Nordprovinzen irgendwann wieder heimkehren werden. Bis dahin hat es mit den US-Europäern und den kapitalistischen Nachbarn jene Wirtschaftspartner, die helfen werden, Chinas Vormachtstellung weiter auszubauen. China wird dabei wie seit Deng Xiaoping freundlich lächeln und sich seine Wünsche von den konkurrierenden Kapitalisten erfüllen lassen. Am Ende dann wird China wieder tatsächlich das Reich der Mitte sein, an dem sich alle anderen zu orientieren haben. Meister Kong, der seine Chinesen schon vor über 2500 Jahren Geduld und Beharrlichkeit gelehrt hatte, wäre stolz auf sein Volk.

©20151107 spahn/FoGEP

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