Der Weltbürgerkrieg des 21. Jahrhunderts

 

1. Von der Notwendigkeit einer Strategie

„Die Gefechte in sich anzuordnen und zu führen wird Taktik, die Gefechte unter sich zum Zwecke des Krieges zu verbinden Strategie genannt.”

Der preußische Militärdenker Carl von Clausewitz war ein kluger Mann. Er wusste, dass zum erfolgreichen Führen eines Krieges eine durchdachte Vorbereitung unverzichtbar ist. Denn in den Krieg zieht man nicht um des Krieges willen, sondern um einen wie auch immer definierten Frieden zu gewinnen. Deshalb, so Clausewitz, hat jedem Krieg die konkrete Definition des Kriegszieles voranzustehen. Ist dieses beschrieben, obliegt es den Strategen, den Weg zum Ziel zu erdenken. Erst der dritte und letzte Schritt ist es, die taktischen Maßnahmen zu planen und mit kriegerischen Maßnahmen umzusetzen, um so im Sinne der Strategie dem Kriegsziel Stück für Stück näher zu kommen. Die Politiker von EU und USA, Russland und nun auch China wären gut beraten, sich an Clausewitz zu erinnern. Denn einmal mehr befinden sie sich im Krieg – im Krieg gegen etwas, das man im Mittelalter als „Geißel Gottes” bezeichnet hätte. Doch ist es das Problem unserer Politiker, dass sie verlernt haben, in Zielen zu denken. Selbst Strategie ist etwas, das sich ihrem täglichen Kleinklein entzieht. Insbesondere jene politischen Eliten, die sich in Demokratien auf ihrem Karriereweg vor allem als Parteitaktiker bewähren müssen, denken oftmals nur noch bis zum nächsten Wahltermin. Falls sie überhaupt so weit denken. So werden dann im Ernstfall leichtfertig scheinbare Ziele definiert, die keine solchen sind, weil sie dem Anspruch eines Zieles nicht gerecht werden. Das hat nicht nur der Bundeswehreinsatz gezeigt, mit dem das deutsche Militär nach den Worten des früheren Verteidigungsministers Peter Struck am Hindukusch die Freiheit Deutschlands verteidigte und dabei seine Kräfte ziel- und perspektivlos verschliss. Es erwies sich auch beim US-Einsatz gegen den Iraker Sadam Husein oder dem Sowjet-Einsatz in Afghanistan, als alle Kräfte der jeweiligen Großmacht darauf ausgerichtet wurden, zwar Schlachten zu gewinnen, sie dabei aber mangels klar und eindeutig definierter Kriegsziele den Frieden und damit den Krieg verloren.

Die Schlacht gewinnen – den Frieden verlieren

Heute steht die Welt vor den Folgen dieses Versagens. Die militärischen Eliten der hochgerüsteten Staaten hatten Schlachten gewonnen. Sie hatten diese nicht gewonnen, weil ihre Strategie die bessere war. Sie hatten diese nicht einmal gewonnen, weil sie die klügeren Taktiker in ihren Reihen hatten. Sie hatten sie nur und ausschließlich deshalb militärisch gewonnen, weil ihre Militärausrüstungen der der Gegner deutlich überlegen waren.
Eine Schlacht aber ist kein Krieg und das Militär versagte, weil der Gewinn einer Schlacht mit dem Sieg im Krieg verwechselt wird. Als US-Präsident Georg Walker Bush am 1. Mai 2003 auf der „Abraham Lincoln” seinen Irak-Krieg für „erfolgreich beendet” erklärte, hatte der tatsächliche Krieg noch nicht einmal richtig begonnen.
Bush hatte seinerzeit dennoch gute Gründe, dieses zu tun. Denn nicht nur hatte sich sein vorgebliches Kriegsziel der Vernichtung von Massenvernichtungswaffen mangels solcher als unerreichbar gezeigt – auch sind die Demokratien der Gegenwart selbst kaum noch in der Lage, einen wirklichen Krieg zu führen. Vor allem sind sie nicht in der Lage, einen Krieg zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Das demokratische Volk liebt es nicht, seine Töchter und Söhne in Särgen zurück geschickt zu bekommen. Das demokratische Volk liebt es nicht, Geld für scheinbar ferne Abenteuer auszugeben, während in der Heimat über die Kürzung von Sozialausgaben nachgedacht werden muss. Vor allem aber liebt es das demokratische Volk nicht, sich für Kriegsopfer gleich wo auf der Welt persönlich verantwortlich zu fühlen. Wenn schon Krieg geführt wird, dann mögen es bitte andere tun – und dieses möglichst weit weg dort, von wo die Auswirkungen in der Heimat nicht zu spüren sind. Denn nichts hasst das demokratische Volk mehr, als dass von dem unvermeidlichen, moralischen Schmutz, den ein Krieg hinterlässt, etwas an der eigenen Weste hängen bleibt. So schaut das demokratische Volk auch dann noch am liebsten weg, wenn entgegen der hehren eigenen Ansprüche andere Länder mit Krieg überzogen werden. Das war bei den russischen Angriffen gegen Georgien ebenso nicht zu übersehen wie bei dem entsprechenden Krieg, den das Moskauer Reich seit Anfang 2014 gegen die Ukraine führt. Das demokratische Volk verhält sich in solchen Fällen wie der berühmte Vogel Strauß: Es steckt seinen Kopf in den Sand ohne zu bedenken, dass das eigene Hinterteil nun völlig schutzlos möglichen Feinden hingehalten wird.
Dennoch gibt es Situation, in denen auch für das demokratische Volk das Führen eines Krieges unvermeidbar ist. Der aber sollte dann am besten nicht als solcher benannt werden, denn das demokratische Volk ist ein friedliches Volk. Ist der Krieg dennoch unvermeidbar und sind die im Krieg unvermeidlichen kriegerischen Konsequenzen bis in die Heimat spürbar, wird beim demokratischen Volk die Kriegsunlust schnell zur Kriegsablehnung. Das war so, als der Oberst Georg Klein 2009 den militärisch uneingeschränkt richtigen Befehl gab, zwei vom Kriegsgegner gestohlene Tanklastwagen zu bombardieren und dabei auch vorgeblich zivile Benzindiebe ums Leben kamen. Der geballte Zorn der heimatlichen Kriegsgegner entmannte die deutschen Verteidiger am Hindukusch – sie reduzierten sich fortan darauf, als vom deutschen Steuerzahler finanzierter, regionaler Sicherheitsdienst einige noch nicht von den Feinden kontrollierte Orte zu sichern.
Für die Bundeswehr gab es spätestens ab diesem Zeitpunkt keine Strategie mehr – und das aus gutem Grunde. Denn falls es überhaupt jemals ein deutsches Kriegsziel am Hindukusch gegeben haben sollte, für dessen Erreichen es sich hätte lohnen können, eine militärische Strategie zu entwickeln und diese umzusetzen, so war spätestens nun jedermann bewusst, dass der Einsatz in Afghanistan überhaupt kein militärisches Ziel verfolgte. Deutschlands Geld, Material und Soldaten wurden fortan einem Idol geopfert. Dem Idol einer geeint gegen radikal-islamische Terroristen vorgehenden, westlichen Zivilisation. 54 deutsche Soldaten, 8,8 Milliarden Euro Kriegskosten, Material für 28 Millionen Euro und davon Kriegsgerät im Wert von rund 4 Millionen Euro, das an Ort und Stelle zerstört wurde – von der deutschen Demokratie als Opfer auf den Altar der Symbolik freier Nationen gelegt, ohne dabei einem offenbar niemals definierten Kriegsziel auch nur einen einzigen Schritt näher gekommen zu sein.

Paris ändert alles – und nichts

„Paris ändert alles” twitterte Bayerns Finanzminister Marcus Söder nach den Attentaten in der französischen Hauptstadt. Er meinte damit die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung – und fing sich prompt eine Maulschelle seines Chefs in der bayerischen Staatskanzlei ein. Und doch hatte Söder im Kern in einem recht: Paris schien manches zu ändern – und ändert vielleicht am Ende doch nichts.
Frankreichs Präsident Francois Hollande, dem mit diesen Attentaten vielleicht die letzte Chance zugespielt wurde, sich seinen Franzosen als tatkräftiger, entschlossener Präsident zu präsentieren, rief den EU-Bündnisfall nach Artikel 42 Absatz 7 aus. Danach sind die EU-Partnerländer im Falle eines Angriffs auf ein EU-Land verpflichtet, dem Angegriffenen im Einklang mit dem Artikel 51 der UN-Charta Beistand zu leisten. Dort wiederum ist festgeschrieben, dass jedes angegriffene Land das „naturgegebene Recht zur individuellen und kollektiven Selbstverteidigung” habe. Die EU steht damit ab sofort im Krieg, auch wenn dieses nun noch nicht zwingend bedeutet, dass alle EU-Staaten mit ihrer Streitmacht nach Paris ziehen müssen, um dort in den Banlieues – jenen tristen Vorstädten, in deren Milieu die Saat der Extremisten auf fruchtbaren Boden fällt und aus denen nach Stand der Dinge die Attentäter kamen – den bewaffneten Kampf aufzunehmen.
Ohnehin hatte sich Hollande seine Ausrufung des Bündnisfalls offenbar anders gedacht. Sowohl sein unmittelbarer Luftangriff auf die syrische Hochburg der Islamfundamentalisten als auch die von ihm initiierte und einstimmig angenommene UN-Resolution benennen mit dem „Islamischen Staat” (IS) einen konkreten „gemeinsamen Gegner”, den es nun zu bekämpfen gelte. Frankreich – nicht anders ist diese Resolution zu verstehen – sieht die Welt im Krieg. Wenn die Welt sich im Krieg befindet, dann sprechen wir von einem Weltkrieg. Und spätestens jetzt sind wir wieder bei Clausewitz – nur dass wir es nun mit einem Weltbürgerkrieg zu tun haben.
Mehr denn je und mehr als in der Vergangenheit steht die Frage im Raum: Was soll das Ziel dieses Krieges sein? Mit welcher Strategie ist dieses Ziel optimal zu erreichen? Und welche taktischen Maßnahmen sind sinnvoll und notwendig, um die Strategie zum Erfolg zu führen?
Folgt die Welt Frankreich und der Resolution des UN-Sicherheitsrats, dann lautet das Kriegsziel: Vernichtung des IS. Nur – gewinnt die Welt damit den Frieden? Macht der nun zu führende Krieg folglich Sinn, wenn er ausschließlich dem Ziel dient, eine von vielen als Terrororganisation eingestufte Gruppierung zu vernichten? Nein. Denn Hollande und mit ihm die Welt kämpft nicht gegen eine Streitmacht, nach deren Vernichtung er wie einst Bush einen Pyrrhussieg verkünden könnte. Hollande und mit ihm die Welt kämpfen gegen eine Idee. Eine Idee, die in eine ferne Vergangenheit reichende historische Wurzeln hat. Eine Idee, die durch über eineinhalb Jahrtausende religiöser Verklärung eine in die Millionen gehende Anhängerschaft hat. Eine Idee, die die derzeit im Gleichschritt marschierenden, europäisch geprägten Staaten durch falsch verstandene Liberalität und das Versagen der eigenen Politik maßgeblich mit befördert haben.
Ideen – das sollte nicht nur Hollande erkennen – besiegt man nicht militärisch. Ideen besiegt man, indem man ihnen eine bessere Alternative entgegen stellt. Eine Alternative, die den potentiellen Anhängern der zu bekämpfenden Idee eine attraktivere Perspektive aufzeigt und sie für diese zu gewinnen mag.

Strafexpeditionen statt militärischer Strategie

Hollandes nachvollziehbarer und dennoch kurzsichtiger Aktionismus hat derzeit weder ein Kriegsziel noch eine Strategie, wie dieses Kriegsziel zu erreichen wäre. Er ist ein leuchtend angemaltes Trostpflaster für die geschundene französische Seele. Hollande wird deshalb den Frieden nicht, sondern bestenfalls Schlachten gewinnen können. Und vielleicht nicht einmal das.
Die großen Militärstrategen der Vergangenheit waren sich immer einig: Gewinnen kann man einen Krieg nur, wenn das Kriegsziel eindeutig definiert wird. Selbst die Militärstrategen der Gegenwart wie jener russische General Waleri Gerassimow, der 2013 sein Konzept des hybriden Krieges der inneren Zermürbung gegnerischer Staatsgebilde präsentierte, folgt der Prämisse eines zu erreichenden, politischen Kriegsziels. Gerassimow geht davon aus, dass das Kriegsziel nicht mehr allein mit konventioneller Feuerkraft zu erreichen ist, sondern moderne Kriege maßgeblich durch einen breit gestreuten Einsatz von Desinformationen und anderen nichtmilitärischen Mitteln politischer, ökonomischer und (anti)humanitärer Natur gewonnen werden. Wie für Clausewitz steht für Gerassimow das politische Ziel, den Frieden zu erreichen, unverrückbar fest. Und wie schon vor 200 Jahren ist dieser Frieden der Friede der Sieger, den die Verlierer des Krieges als Diktat begreifen müssen.
Was aber will Hollande erreichen? Was wollen die mit ihm verbündeten Staaten erreichen? Geht es ihnen tatsächlich darum, einen Krieg zu führen um einen Frieden zu gewinnen? Oder geht es ihnen einmal mehr wie in Afghanistan um nichts anderes als um Symbolik? Ginge es tatsächlich nur darum, den IS in Syrien zu vernichten, so hätten wir es im eigentlichen Sinne des Wortes mit einer Strafexpedition zu tun und nicht mit einem Krieg unter dem politischen Ziel, den radikal-islamischen Terror ein für alle Mal zu besiegen. Denn ein Vernichten des IS vernichtet weder die Idee noch die zahlreichen anderen, auf identischer Idee agierenden Gruppen zwischen Atlantik und Pazifik. Ein Vernichten des IS vernichtet erst recht nicht jene in den Staaten Europas selbst gezüchteten Terroristen, ob in Saint Denis oder Molenbeek oder demnächst vielleicht auch Marxloh oder Neukölln.

Ohne Kriegsziel ist alles nichts

Will Frankreich, will Europa oder will die Welt einen Krieg führen mit dem Ziel, die terroristische Bedrohung zu besiegen und nicht nur eine terroristische Gruppierung zu bekämpfen – dann muss als erstes das Ziel des nun zu führenden Krieges definiert sein. Solange dieses nicht geschehen ist bleibt jede militärische Reaktion bloßer Aktionismus. Da spielt es auch keine Rolle, ob es vielleicht sogar gelingen mag, die Gruppe namens Islamischer Staat militärisch auszuschalten. Denn dann wird sich die Idee, die es zu besiegen gilt, andere Wege suchen, ihren Kampf fortzusetzen. Ohne konkretes Kriegsziel ist alles nichts. Ein Kampf ohne Ziel mag den Demokratien alles abverlangen – und wird ihnen am Ende doch nichts bringen. Deshalb steht das Kriegsziel am Beginn – und nicht das hektisch eingeleitete Schlachten-führen.
Wie dieses Kriegsziel aussehen kann, vielleicht aussehen muss – davon wird im zweiten Teil der Überlegungen zur akuten Bedrohung in der Konsequenz auf Paris die Rede sein.

2. Von der Wahrscheinlichkeit des Geschehenden

Die Regierung eines Landes hat für ihre Bürger folgende Aufgaben zu gewährleisten:
– Schutz der individuellen Unversehrtheit.
– Sicherung der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Ressourcen und Energie.
– Zukunftsgarantie für künftige Generationen.
Jede über diese drei Kernaufgaben hinausgehende Zielsetzung und/oder Ausformung wie beispielsweise die Garantie eines Freien Marktes, umweltfreundliche Energieversorgung, freie Arbeitsplatzwahl und selbst freie und unabhängige Wahlen sind darauf aufbauender Luxus, der zwar den Wert und den Anspruch einer Gesellschaft ausmachen kann, jedoch dann seinen Wert verliert, wenn es zur fundamentalen Krise des Systems kommt. Ist eine Regierung außerstande, die Kernaufgaben zu gewährleisten, hat die Politik versagt und der Zusammenbruch des staatlichen Systems ist unausweichlich. Eine solche Krise zu organisieren ist das Ziel der Gegner des jeweils betroffenen Staatswesens – und es spielt dabei erst einmal keine Rolle, ob dieser Versuch nach dem Prinzip Gerassimow durch feindliche Staaten, wie im Falle einer glaubensideologisch geprägten Terrororganisation durch äußere Gruppierungen oder wie bei jenen Ideologen der „Roten Armee Fraktion” durch innere Gegner unternommen wird.
Gelingt es den Gegnern auch nur eine der Kernaufgaben zu erschüttern, so ist dieses gleichbedeutend mit einem Versagen der Politikverantwortlichen. Die Terroranschläge von New York, Madrid, London und Paris, aber auch Bagdad oder Beirut, dokumentieren damit ein Politikversagen und stellen die Regierungen vor die unmittelbare Aufgabe, ein entsprechendes, künftiges Versagen mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu unterbinden. Oberste Aufgabe der zu ziehenden Konsequenzen ist daher die kompromisslose Gewährleistung der Kernaufgaben.
Der jüngste Terroranschlag von Paris steht nicht nur für ein solches Politikversagen – er sollte auch jedem ins Bewusstsein geprägt haben, dass der fundamental-sunnitische Islam einen erbarmungslosen Krieg gegen die nicht-fundamental-sunnitische Welt führt. Er hält sich dabei an keine der mühevoll entstandenen Regeln einer „zivilisierten” Kriegsführung. Er scheut nicht davor zurück, gänzlich Unbeteiligte und sogar Glaubensbrüder, die sich in seinen Augen der Sünde der Kumpanei mit den Ungläubigen schuldig gemacht haben, kollektiv zu ermorden. Für ihn gehören der Massenmord von gefangenen Zivilisten, die Versklavung von Frauen und Kindern sowie das barbarische Zu-Tode-Foltern von Kriegsgefangenen und Schächten von Geiseln zu den Selbstverständlichkeiten seiner Kriegsführung. Vom Kulturbarbarismus dieser Gemeinschaft von Fortschrittsverlierern ganz zu schweigen.

Der Weltbürgerkrieg der Fortschrittsverlierer

Da steht sie nun, die Weltgemeinschaft freier und weniger freier Völker. Wladimir Putin, der den Krieg in die Ukraine getragen und den europäischen Friedenskonsens der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts aufgekündigt hat sowie in Syrien das Versagen der USA zur eigenen Machterweiterung nutzt, ist plötzlich ein gefragter Mann. China, das gerade einen Staatsbürger den Schächtern des IS überlassen musste aber selbst im Ranking der Hinrichtungen Platz 1 belegt, schwört weltweite Rache. Das gedemütigte Frankreich sucht nicht nur bei seinen europäischen Freunden um aktive Militärhilfe nach – und Deutschland ziert sich einmal mehr plan- und konzeptionslos.
Der Feind, vor dem die Weltgemeinschaft – wenn man davon sprechen kann – heute steht, ist kein singulärer Wohlstandsterrorismus nach dem europäischen Muster einer „Roten Armee Fraktion” oder der „Brigate rosse”. Es ist der Krieg einer rückwärtsgewandten, sich mit einem religiös verpackten, politisch-ideologischen Handwerkszeug aus der Spätantike speisenden Masse Mensch, die die Errungenschaften der Moderne als Ursache ihres eigenen Versagens ausgemacht hat und deshalb unterschiedslos alles bekämpft, was aus ihrer bornierten Sicht der Moderne frönt oder wegen seiner Andersartigkeit jeden Anspruch auf Existenz verwirkt hat. Dieser Kampf lässt sich nicht regional auf jene Gebiete eingrenzen, in denen seine Protagonisten klassische Geländegewinne machen konnten. Dieser Kampf findet auch und unmittelbar in unseren eigenen Räumen statt – er kommt auch aus den Abstellkammern unseres Hauses, in die wir jene verbannten, mit denen wir in unserer Gemeinschaft nicht so recht etwas anzufangen wussten. Diese Verbannten schufen sich Parallelwelten, in denen die Mischung aus eigenem Versagen und jenen aus dem Islam gespeisten, fundamentalistischen Weltbildvorstellungen eine unheilvolle Verbindung eingehen konnte. Der islamische Terror, der den Weltbürgerkrieg befeuert, wurde in den bigotten Hinterzimmern sa‘udisch-wahabitischer Moscheen gezeugt und vom Unvermögen der aufgeklärten Europäer im Umgang mit ihren verlorenen Kindern gezüchtet.

Die Welt zieht in den Krieg

Dieses Proletariat, das heute ein Teil der Welt ist, hat dieser Welt den Krieg erklärt. Der Welt wird nichts anderes bleiben, als diese Kriegserklärung anzunehmen.
Und damit sind wir wieder bei Clausewitz. Denn einmal mehr steht zu befürchten, dass einige der nun zur Kriegsführung Verdammten in unkoordinierten Aktionismus verfallen, während andere – allen voran die umfänglich pazifistisierten Deutschen – sich am liebsten an allem vorbeidrücken und weiter die maßgeblich zum Entstehen des Krieges beitragende Anheimgabe ihrer europäischen Werte befördern werden. Europa und mit ihm das, was wir als freie Welt bezeichnen, steht vor der Wahl: Selbstaufgabe oder Kampf. Unterstellen wir, dass in diesem Europa noch ein Rest an Selbstbehauptungswillen steckt, dann ist es jetzt gefordert, auf Grundlage der fundamentalen Kernaufgaben des Staates seine Kriegsziele zu definieren und Strategien zu entwickeln, wie diese Ziele zu erreichen sind. Zeigen wir deshalb drei Szenarien auf, die derzeit vorstellbar scheinen.

Szenario 1 – Die Wagenburg

Europa kann das Ziel verfolgen, seine eigenen Bürger mit allen Mitteln vor dem Terror zu schützen und den Rest der Welt sich selbst zu überlassen. Jenseits der Feststellung, dass dieses in einer globalen Welt und der geographischen Lage Europas kaum vorstellbar (wenn auch von einer Mehrheit der Bürger gewünscht) ist, müsste dieses bedeuten, die Außengrenzen Europas festungs-gleich auszubauen, zu sichern und zu verteidigen. Das zu definierende Kriegsziel hieße: Terror raus aus Europa! Die Konsequenz wäre die totale Isolation.
Konkret hieße es, die Rettungsmissionen auf dem Mittelmeer sofort einzustellen, Boote mit illegal Einreisenden zurück zu treiben und gegebenenfalls ohne Rücksicht auf Opfer zu versenken. In der Folge würde der ständige Zustrom illegaler Einwanderer auf dem Seeweg zum Erliegen kommen und nach anderen Möglichkeiten suchen, das gelobte Land zu erreichen. Europa verlöre – so es diese noch hat – seine humanitäre Unschuld.
Die Zusammenarbeit mit jenen Ländern und Partnern, die ebenfalls mittelbar in den Strudel des Weltbürgerkriegs geraten sind, würde gegen Null gehen. Europa überließe vor allem den Nahen Osten sowie Nord- und Zentralafrika dem Zugriff der fundamentalistischen Islamkämpfer oder dem Kriegsglück von Russen, Amerikanern und vielleicht sogar Chinesen. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wäre das kleine Europa, so es sich nicht zwischenzeitlich selbst aufgegeben hätte, von unerbittlichen Feinden umringt und aus dem selbstmörderischen Weltbürgerkrieg wäre ein mörderischer Dauerkrieg geworden. Allein deshalb kann dieses Szenario kein gangbarer Weg sein. Ohnehin: Selbst wenn es der ersten Grundprämisse der Kernaufgaben gerecht werden sollte, würde es die zweite vernichten und damit die dritte nicht mehr erfüllen können.

Szenario 2 – Der Pseudosieg

Europa kann, wie es derzeit Frankreichs Präsident Hollande versucht – die Ursachen des Terrors ausschließlich bei jenen militanten Kräften verorten, die irgendwo in der syrisch-irakischen Halbsteppe ihren territorialen Ursprung haben. Die Welt gegen den Islamischen Staat mit dem Kriegsziel, diese fundamentalistische Terrorgruppe mit Stumpf und Stiel zu vernichten.
Militärisch ist das machbar, wenn die Luftschläge der überlegenen westlichen Luftwaffe kombiniert werden mit einer gezielten Bodenoffensive europäischer und regionaler Truppen. Die heute vom IS besetzten Gebiete könnten auf diesem Wege das werden, was man gemeinhin unter „befreit” versteht. Aber – wäre damit das Problem des islamischen Terrors beseitigt? Kaum. Einerseits ist davon auszugehen, dass jene, die sich zu den Ideen der Fundamentalisten bekennen, sich kaum so lange in das Schussfeld stellten, bis der letzte von ihnen erschossen am Boden liegt. Sie würden vielmehr – soweit das nicht ohnehin bereits geschehen ist – einsickern in die Gesellschaften sowohl am Kampfesort wie in Europa und dort ihre Ziele weiterverfolgen.
Noch problematischer allerdings wäre etwas anderes. Wer in den vergangenen Tagen erleben musste, wie der türkische Plebs beim Fußballländerspiel Türkei-Griechenland bei der Schweigeminute für die Attentatsopfer in Paris mit „Allahu akbar”-Rufen seine Solidarität mit den Attentätern zu Ausdruck brachte, der mag vielleicht eine Ahnung davon bekommen, wo im Weltbürgerkrieg die tatsächlichen Frontlinien verlaufen. Wer einen Blick in die Gesellschaften von failed states wie Pakistan wirft, der wird verstehen, dass die militärische Vernichtung der radikalislamischen Kämpfer beim islamischen Plebs weltweit eine Solidarisierung erzeugen kann, die bislang noch ungeahnte Kräfte freizusetzen in der Lage ist. Die Hydra der religiologisch indoktrinierten Globalisierungsverlierer ist in der Lage, jedem abgeschlagenen Kopf zwei neue nachwachsen zu lassen. Jene Personen, die im Fatih-Terim-Stadion ihr Bekenntnis zum islamischen Terror in die Welt schrien, sind nur die Spitze eines Eisberges, der zwischen Fes in Marokko und Djakarta in Indonesien unter der Oberfläche lauert. Doch selbst wenn es zu dieser Solidarisierung nicht kommen sollte, so wäre dieses Szenario am Ende nichts anderes als martialische Kosmetik. Denn es wird vielleicht das Ende des IS sein – nicht aber das Ende des islamisch begründeten Terrors. Und es wird so vielleicht ein konkretes Kriegsziel erreichen– nicht aber den Frieden gewinnen können.

Szenario 3 – Der Krieg der Kulturen

Samual P. Huntingtons „Clash of Civilisations” schien bereits zu den Akten gelegt. Aber im Kern sind die Überlegungen des 2008 verstorbenen Politikwissenschaftlers so aktuell wie eh und je dann, wenn wir „Civilisations” als Kulturen übersetzen und Kulturen als Lebensauffassungen und nicht als regionalspezifische Gesellschaftsausprägungen begreifen. Sollte es das Kriegsziel der Europäer sein, die Ursachen des Weltbürgerkrieges zu beseitigen, dann ist auf der einen Seite ein militärischer Kampf gegen islamisch motivierte Terrorgruppen weltweit unvermeidbar. Dann gilt es nicht nur, eine „Koalition der Willigen” zu schmieden, sondern eine Armee der Aufklärung, die überall dort auf der Welt aktiv wird, wo fundamental-islamische Bewegungen ansetzen, Andersdenkende zu terrorisieren. Dieser Krieg wird ausgefochten in Syrien und dem Irak, in Afghanistan und Pakistan, in Somalia und Kenia, in Mali und Nigeria, in Libyen und Ägypten, auf den Philippinen und in Indonesien – und überall dort, wo er im Moment noch nicht bereits ausgebrochen ist. Dieser Krieg wird ein erbarmungsloser sein und er wird die hehren Vorstellungen globaler Menschenrechte erheblich in Mitleidenschaft ziehen. Er kann – wenn die in Szenario 2 angedeutete Solidarisierung des islamischen Proletariats mit den unterliegenden Glaubenskämpfern erfolgen sollte – Opfer in bis heute unvorstellbaren Zahlen fordern. Es wird ein Kampf werden, der um so länger dauert, je humanitärer er von Seiten der Europäer geführt werden soll. Und es wird ein Kampf werden, der unsere Welt in ihren Grundfesten verändern wird. Denn weder ist garantiert, dass an seinem Ende tatsächlich ein Gewinner feststeht, noch ist auch nur ansatzweise sicherzustellen, dass die Armee der Aufklärung nicht zu einer Armee des „Terreur” mutiert und vergleichbar der Französischen Revolution selbst zum Instrument einer Schreckensherrschaft wird.

Keine optimale Lösung

Die Skizze der drei nahe liegenden Kriegszielszenarien hat deutlich gemacht: Keine der unmittelbar denkbaren Varianten ist wirklich erstrebenswert. Keine liefert eine Garantie, dass das jeweilige Kriegsziel tatsächlich erreichbar ist. Und keine ist mit unseren eigenen Ansprüchen an Menschlichkeit und globaler Gerechtigkeit auch nur ansatzweise vereinbar. Sind wir folglich gezwungen, uns selbst aufzugeben, unsere Werte zu verleugnen, um nicht unterzugehen in einem Sog des Barbarismus? Oder steckt Europa seinen Kopf weiter in den Sand und gibt sich selbst auf?
Die Zermürbungserscheinungen sind unübersehbar. Maßgeblich befördert durch die Angst vor kultureller Überfremdung, die durch den Terror des IS eine übersteuernde Komponente erhält, werden in den Ländern Kerneuropas rechtsextreme Kräfte immer stärker. Ob jene von Moskau finanzierte Front Nationale in Frankreich oder Polens neugewählte, antirussische Kaczynski-Führung –als Vertreter eines nationalen statt europäischen Wagenburg-Szenarios haben sie das Potential, die Idee der Europäischen Union zu sprengen. Unter der Bedrohung durch als solche empfundene, kulturfremde Barbaren schließen sich ihre Reihen und reaktivieren sich kollektive Abwehrmechanismen. Die von rotgrünen Wohlstandskindern erträumte bessere Welt gleicher, im ewigen Einklang mit der Natur stehender Menschen wird im Angesicht der als real empfundenen Bedrohung zum Auslaufmodell – und mit ihrem realitätsfernen Anspruch weltumspannender Gerechtigkeit selbst zu einer Bedrohung für die Zukunft Europas.
Und noch etwas steht im Raum ohne bislang wirklich öffentlich realisiert geschweige denn beantwortet worden zu sein: Wie hält es Europa, wie hält es die Freie Welt mit jenen Mächten, die zwar nicht hinter dem archaischen Barbarentum der Glaubensterroristen stehen – die dieses aber entweder befördern oder eigene Wege bestreiten, die den Idealen Europas widersprechen, oder diese vielleicht sogar aus eigenen Interessen auszuhebeln versuchen? Bevor Europa in den Krieg zieht, muss es sich die Frage nach seinen Partner, seinen Verbündeten auf Zeit und auch nach seinen Gegnern beantworten. Und: Wie hoch darf der Preis sein, den Europa für seine Verbündeten zu zahlen bereit ist? Diese Fragen sind nicht zu beantworten, solange das Kriegsziel nicht eindeutig definiert ist. Doch sie liegen bereits jetzt sehr konkret auf dem Tisch dann, wenn sich der Blick beispielsweise auf Sa’udi-Arabien und die Türkei richtet. Auch der Blick auf Russland lässt erahnen, dass der Preis für ein gemeinsames Vorgehen gegen den Terror der Verrat an den eigenen, westeuropäischen Idealen sein könnte.
Steckt Europa, steckt die freie Welt also in einer Falle, aus der es kein Entrinnen geben wird? Haben die Strategen des Glaubensterrorismus schon gewonnen? Fast will es so scheinen. Welcher Weg dennoch zu beschreiten sein könnte, wenn Kriegsziel und Strategie in Einklang mit den Idealen Westeuropas gebracht werden sollen – darüber soll im dritten Teil zum Weltbürgerkrieg nachgedacht werden.

3. Von der Utopie des Unwahrscheinlichen

Wollen wir angesichts des radikalislamischen Terrors tatsächlich den Frieden gewinnen und nicht nur mittels Aktionismus vom eigenen Versagen ablenken, dann müssen wir die skizzierten, klassischen Kriegszielszenarien sämtlichst zu den Akten legen. Neue Situationen erfordern neue Herangehensweisen. Und die Situation eines Weltbürgerkrieges, vor der wir jetzt stehen, ist neu. Was also ist zu tun?
Von der Utopie des Friedens

Vielleicht müssen wir uns ein utopisches, scheinbar unerreichbares Kriegsziel definieren, das in der Lage sein wird, nicht nur Schlachten, sondern den Frieden zu gewinnen. Denken wir dabei wieder an Clausewitz, der den ewigen Zauderern und Besserwissern ins Stammbuch schrieb, dass man auch dann, „wenn man die Wahrscheinlichkeit des Erfolges gegen sich hat, man das Unternehmen darum nicht für unmöglich oder unvernünftig halten muss; vernünftig ist es immer, wenn wir nichts Besseres zu tun wissen”. Also definieren wir die Utopie eines Kriegszieles, um im Weltbürgerkrieg am Ende den Frieden zu gewinnen.

Nicht am deutschen Wesen die Welt genesen lassen

Zuvor jedoch müssen wir uns selbst definieren. Denn es deutet vieles darauf hin, dass die Europäer in den vergangenen einhundert Jahren entweder vergessen haben, was sie sind – oder es versäumt haben, sich selbst neu zu begreifen. Zwar haben sie die Europäische Union geschaffen – doch sie haben es nicht geschafft, sich als europäische Nation zu verstehen. Vielleicht aber müssen sie das auch gar nicht. Vielleicht reicht es aus, sich in der Welt des 21. Jahrhunderts als Schicksalsgemeinschaft zu definieren, in der der Einzelne ohne diese Schicksalsgemeinschaft auf Gedeih und Verderb den Launen anderer, nicht der europäischen Wertegemeinschaft angehörender Mächte ausgeliefert sein wird. Vielleicht reicht es völlig aus, wenn Balten, Polen, Deutsche, Franzosen, Spanier und all jene anderen Völker, die dem Kulturkreis der westeuropäischen Moderne angehören, verstehen, dass sie trotz regionaler Unterschiede und nationaler Egoismen allein auf sich gestellt den Frieden verlieren werden.
Soll es zur Erkenntnis einer wirklichen Wertegemeinschaft kommen, weil es dazu im eigenen Interesse der Europäer kommen muss, dann müssen allerdings auch die Deutschen begreifen, dass sie ihre europäische Sonderrolle aufzugeben haben. Sie können nicht länger als Engel einer übergeordneten Moral den Anspruch vertreten, die Welt am neuen deutschen Wesen der Ökoapostel und Weltpazifisten genesen lassen zu wollen. Die Deutschen müssen aufhören, sich im Taka-Tuka-Land der Pippi Langstrumpf ihre eigene Welt zu zaubern. Statt dessen müssen sie die Welt so nehmen, wie sie ist, und einen deutlichen Schritt zugehen auf ihre europäischen Partner. Das bedeutet aber auch der Welt selbstbewusst zu erklären, dass Deutschland nationale Interessen hat, die es in der Gemeinschaft der Völker deshalb durchgesetzt sehen möchte, weil es sie für vernünftig hält und andere davon zu überzeugen versteht.

One World – one people?

Zu klären aber bleibt vor allem: Begreifen wir uns als Deutsche, als Europäer und Nichteuropäer als „One World”? Wenn es so ist, dann sind wir auch „One People”. Und dann war die „Refugees welcome”-Euphorie dieses Sommers 2015 zumindest ehrlich. Dann aber stehen wir auch in der Pflicht, dieses „One World” nicht nur dann zu leben, wenn wir uns dabei zu Hause mit dem wohligen Schauer der guten Tat ein gutes Gewissen scheinbar gratis erwerben. Dann müssen wir dieses One World auch leben, wenn es uns im Zweifel unerträgliche Opfer abverlangt. Tun wir dieses nicht, dann war das „Refugees welcome” nichts als eine große Lüge und wir hätten besser daran getan, die Flüchtlinge zurück an die Küsten der Türkei und Nordafrikas zu schicken.
Nehmen wir einmal an, die breite Mehrheit der Deutschen möchte dieses One World ernsthaft leben. Nehmen wir sogar an, dass es uns ohne unseren Weltbelehrungsanspruch gelingen könnte, unsere skeptischen Nachbarn in Europa davon zu überzeugen, dass auch sie ein Teil der One World sind. Das mag zwar im Moment noch nicht sehr realistisch erscheinen – aber unterstellen wir es im Rahmen unserer Utopie einfach. Was ist dann zu tun?
Als erstes müssen wir begreifen, dass diejenigen, die wir als Opfer des Weltbürgerkrieges begreifen, sich nicht auf die Terrortoten in Europa beschränken. Wir müssen begreifen, dass nicht nur die Ezidi und die Christen in Syrien und im Irak viel länger schon ihren Blutzoll im Weltbürgerkrieg zahlen. Wir müssen begreifen, dass die ermordeten und versklavten Christen in Nordnigeria mehr sind als das Motiv einer wirkungslosen „Bring back our Girls”-Challenge. Wir müssen begreifen, dass die ungezählten Opfer des Terrors in Mali, Libyen und anderswo, aber selbst die längst verdrängten Toten im sudanesischen Darfur bereits seit Jahren unmittelbar in diesem Weltbürgerkrieg stehen. Wenn „Refugees welcome” mehr war als ein Wohlfühlkick für Wohlstandsjunkies, dann ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, nicht nur uns selbst und jenen, die sich zu uns durchschlagen konnten, zu helfen, sondern unsere Hilfe vor allem jenen zukommen zu lassen, deren kollektive und individuelle Existenz unmittelbar bedroht ist. Wenn wir aus dem Weltbürgerkrieg des 21. Jahrhunderts einen Frieden gewinnen und uns nicht nur daran begeistern wollen, einige Schlachten militärisch erfolgreich abgeschlossen zu haben, dann müssen wir uns der Ursachen annehmen statt nur die Symptome zu bekämpfen. Wir müssen diese Ursachen ohne Rücksichtnahme auf mögliche „Gefühle” Dritter oder unserer selbst eindeutig benennen – und sie nicht länger unter bunt angemalten Pflastern verstecken wollen. Nur wer die Ursachen erkennt und benennt, kann Verantwortlichkeiten erkennen und die Verantwortlichen in die Pflicht nehmen, sich ihrer Verantwortung ohne Tabus zu stellen. Werfen wir deshalb einen entsprechenden Blick auf die Konfliktursachen und zeigen wir als Utopie Perspektiven auf, wie diesen im Rahmen einer One-World-Strategie näher zu kommen wäre.

Ursache 1 – Das koloniale Erbe

Von manchen gern als eigentliche Ursache benannt, von anderen als Schnee von gestern ebenso gern vergessen, bleibt dennoch die Erkenntnis, dass eine Ursache des Weltbürgerkriegs in der Politik der Kolonialmächte des 19. und 20. Jahrhunderts zu finden ist. Hierbei ist nicht die Unterdrückung und Ausbeutung indigener Völker und nicht einmal der Verrat an regionalen Verbündeten das Kernproblem, sondern die Hinterlassenschaft von künstlichen Staatsgebilden, die ohne jede Rücksicht auf ethnische, kulturelle und religiöse Gegebenheiten auf dem Reißbrett entworfen wurden. Auf eine solche Situation treffen wir in Nigeria ebenso wie im Irak, in Syrien und am Horn von Afrika.
Hier sind die Kolonialmächte von Gestern gefordert, sich endlich und abschließend von der Vorstellung zu lösen, dass die von ihnen gezogenen Grenzen für die Ewigkeit sind. Vielmehr ist es insbesondere die Aufgabe der Hauptverantwortlichen Frankreich und Vereinigtes Königreich, in jenen Ländern, die ihr koloniales Erbe sind, darauf hinzuwirken, dass unlösbar scheinende Konflikte auch durch Entflechtung der Konfliktparteien befriedet werden.
Vielleicht ist es sinnvoll, im Norden Nigerias einen eigenen Staat mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung zu etablieren – wenn dieser Staat die Gewähr dafür bietet, seine Minderheiten zu schützen. Selbst eine Umsiedlung von Teilbevölkerungen darf kein Tabu sein, wenn es die einzig sinnvoll erscheinende Möglichkeit ist, um den Frieden zu gewinnen.
Sicherlich ist es sinnvoll, die ohnehin nicht mehr existierenden Staaten Syrien und Irak neu zu ordnen. Ein Staat der Schiiten, ein Staat der Sunniten und ein Staat der Kurden sind ohnehin kaum noch aufzuhalten. Vielleicht auch war die französische Idee des Alawitenstaates gar nicht dumm – wäre sie seinerzeit nicht unter dem Aspekt des divide et impera entstanden. Gruppen wie Drusen, Juden, Maroniten und Eziden müssen – das ist die Verantwortung, die die früheren Kolonialmächte und ihre Partner zu übernehmen haben – innerhalb dieser Staatenbildung ihre Minderheitenrechte gewährleistet sehen. Hier könnte der Begriff der „Schutzmacht” neu belebt werden als ein Partner, der im Ernstfall bereit ist, die von den regional Beteiligten vereinbarten, gegenseitigen Rechte notfalls auch mit Waffengewalt zu garantieren. Wie sinnvoll solches sein könnte, wird derzeit im Südsudan demonstriert, wo eine solche Schutzmacht für den Frieden das gegenseitige Massakrieren der gerade erst unabhängig gewordenen Stämme hätte im Keim ersticken können.

Ursache 2 – Regionale Expansionsansprüche

Wo nicht innerstaatliche Widersprüche die Ursache für Konflikte sind, sind es oftmals Machtgelüste staatlicher Eliten, die den Frieden verlieren lassen. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Völker der Welt die Idee Woodrow Wilsons erneut aufgreifen und ein Völkerrecht definieren, welches nicht nur hehre Ansprüche deklariert, sondern konkrete Wege weist, wie in Konfliktfällen zu verfahren ist. Nichts hätte beispielsweise dagegen gesprochen, dass die ukrainische Krim sich Russland anschließt – wenn dieses das Ergebnis einer von den Vereinten Nationen nach eindeutig definierten Regeln durchgeführten, fairen und unabhängigen Abstimmung und nicht Resultat einer subversiven Usurpation gewesen wäre.
Wenn die Vereinten Nationen mehrheitlich einen Weg finden, regionale Konflikte vergleichbarer Art – und die Welt hat davon viele – auf einem rechtlich einwandfrei geregelten Weg zu lösen, dann wäre die UN ihren Aufgaben durchaus gerecht geworden. Sollte eine Mehrheit der Staaten sich dazu nicht verstehen können, so wäre zumindest dokumentiert, in welchen Ländern Eliten herrschen, die es mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht halten und die allein schon deshalb in einer Organisation, die sich „Vereinte Nationen” und nicht „Vereinte Staaten” nennt, eigentlich nichts zu suchen hätten . Jene, die möglicherweise sogar trotz Minderheitenposition bereit sind, neue Regeln zu akzeptieren, hätten dann zumindest die Möglichkeiten, jene anderen zu sanktionieren oder aus dem Rahmen exklusiver Partnerschaften und Entscheidungsfindungsprozesse gezielt auszuschließen. Dort, wo regionale Machtansprüche dennoch von der gewaltsamen Unterdrückung anderer träumen, wäre im Zuge einer One-World-Strategie eine internationale Taskforce einzurichten, die bereit ist derartige Ansprüche auch militärisch in ihre Schranken zu weisen.

Ursache 3 – Religiös verbrämte Weltmachtillusionen

Auch wenn es von Vielen immer noch nicht gern gehört wird – eine der Hauptursachen insbesondere der aktuellen Konflikte ist der nach wie vor bestehende Weltherrschaftsanspruch religiös verbrämter Imperialismusvorstellungen. Konkret trifft dieses heute nur noch auf den Islam des vor rund 1.400 Jahren aktiven Arabers Mohamed zu. Der von Mohamed im siebten nachchristlichen Jahrhundert definierte Anspruch eines weltumspannenden Kalifats islamischer Prägung liefert die Nahrung nicht nur der offen terroristisch agierenden Gruppen wie Islamischer Staat, Boko Haram und AlQaida. Er ist auch Grundlage staatlich beförderter Machtfantasien beispielsweise in Staaten wie Sa’udi-Arabien ebenso wie in den Köpfen eines weltumspannenden Proletariats der Fortschrittsverlierer.
Im Rahmen einer One-World-Strategie wird es die Aufgabe ihrer Vertreter sein, vorrangig bei jenen befördernden Staatseliten darauf hinzuwirken, sich von diesem Weltbeherrschungsanspruch definitiv zu verabschieden. So dieses nicht geschieht, sind bestehende Beziehungen zu diesen Ländern einzufrieren. Waffenlieferungen beispielsweise an Sa’udi-Arabien sind so lange nicht zu verantworten, wie aus diesem Land heraus eine unterschwellige Unterstützung radikalislamischer Gruppen nicht definitiv ausgeschlossen ist. Soweit Abhängigkeiten von diesen Ländern insbesondere im Bereich der Rohstofflieferungen bestehen, ist aktiv und mit Hochdruck an der Substitution dieser Abhängigkeiten zu arbeiten. Hier könnte beispielsweise der sogenannten Energiewende der Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energieträger eine Schlüsselrolle zufallen, auch wenn die überhastete Abkehr Deutschlands von der friedlichen Nutzung der Kernenergie hier eher das Gegenteil bewirkt hat.
Da niemand erwarten kann und erwarten sollte, dass Millionen von Muslimen weltweit ihrem Glauben abschwören, sind im Zuge einer One-World-Strategie umgehend Kontakte zu den institutionalisierten Trägern dieser Glaubensphilosophie aufzunehmen mit dem Ziel, den historischen Machtanspruch des Islam in eine zukunftsfähige Religionsinterpretation einzubetten. Die entsprechenden Ansätze hierfür bestehen nicht nur an der Kairoer AlAzhar-Universität und sind durch die Vertreter des Islam selbst dahin zu entwickeln, die aus der wortgetreuen Umsetzung ihrer Glaubensgrundsätze abzuleitenden Weltherrschaftssprüche in einen historischen Kontext einzubetten, der den Islam nicht länger als Bedrohung Andersdenkender wahrnehmen lässt. Es liegt im ureigenen Interesse des Islam als Glaubensphilosophie, für sich selbst den Frieden zu gewinnen und nicht länger in der spätantiken Vorstellung eines ewig währenden Krieges zwischen den Völkern der Umah und den nicht dieser Umah angehörenden Völkern zu verharren. Hier sind insbesondere auch die Vertreter anderer Glaubensgemeinschaften aufgefordert, auf ihre islamischen Partner ohne Bekehrungsanspruch zuzugehen und mit ihnen gemeinsam Wege zur gegenseitigen Glaubenstoleranz zu entwickeln. Sollte sich der Islam außerstande sehen, einen eigenen Weg in die Moderne zu finden und die religiöse Intoleranz bis hin zum glaubensbegründeten Terror nicht aus ihrem Glaubenskanon verdammen, wird er sich selbst als Verhinderer einer One-World-Strategie ins Abseits begeben.

Ursache 4 – Fortschrittsverlierer im eigenen Lande

Eine gern verdrängte und dennoch unübersehbare Ursache des Weltbürgerkriegs liegt nicht nur in den scheinbaren Ursprungsländern, sondern auch in Europa selbst. Die Unfähigkeit der europäischen Gesellschaften, sowohl den Kindern aus Zuwandererfamilien attraktive Lebensperspektiven aufzuzeigen als auch Kinder aus nicht funktionierenden Familienverhältnissen oder sozialer Vernachlässigung heraus zu holen, bildet eine Ursache der Radikalisierung junger Menschen. Ghettobildung in oder am Rande der Metropolen ebenso wie in der Erziehung überforderte Familienverhältnisse bilden den Nährboden für orientierungslose Fortschrittsverlierer, die den einfach verständlichen Antworten scheinreligiöser Menschenfänger hilflos ausgeliefert sind. Die Staaten Europas sind daher dringend gefordert, ihr soziales Engagement auf eine neue Basis zu stellen. Die bislang gepflegte und durch die davon lebenden Sozialverbände beförderte ständige Verbesserung der Situation eines Mittelstands sozialer Abhängigkeit, die sowohl in Diskussionen wie Erziehungsgeld und Herabsenkung des ohnehin überholten Zwangsrenteneintrittsalters ihren Niederschlag findet, ist durch die gezielte Zuwendung zu jenen Personenkreisen zu ersetzen, die aus der Gesellschaft und damit aus der Chance einer eigenen, selbstbestimmten Zukunft verdrängt werden.
Mit aktuellem Blick nicht nur auf Frankreich lässt sich feststellen: Solange in den eigenen Ghettos die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit nicht integrierter oder aus dem Gesellschaftsprozess herausgefallener junger Menschen nicht aktiv gewandelt wird, ist jede auf den IS in Syrien abgeworfene Bombe nur der Anlass für weitere Fortschrittsverlierer im eigenen Land, sich den Ideen religionsbegründeter Weltherrschaftsfantasien als letztem Ausweg für eine eigene Zukunftsvision zuzuwenden.
Unverzichtbar ist es in diesem Zusammenhang auch, die gezielte Anwerbung dieser Fortschrittsverlierer nicht länger unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit zu dulden. Wer – gleich ob in einem vorgeblichen Gotteshaus oder auf der Straße – für die aktive Teilnahme im Weltbürgerkrieg wirbt, vertritt keine Religion sondern betreibt Volksverhetzung. Die Toleranz der freien Gesellschaft hat dort ihre Grenzen, wo ihre Gegner zum Kampf gegen die Freiheit aufrufen.

Ursache 5 – Der Weltwirtschaftsimperialismus

Ein Fundament des Weltbürgerkriegs sind jene ohne ökonomische Perspektive aufwachsenden Menschen weltweit. Neben expandierenden Bevölkerungszahlen trägt das, was man bösartig als Wirtschaftsimperialismus bezeichnet, maßgeblich dazu bei, immer mehr Menschen ohne Lebensperspektive in menschenunwürdigen Zuständen leben zu lassen. Weder wird die ständig steigende Zahl jener abnehmen, die aus dieser Situation heraus ihren letzten Ausweg in der illegalen Zuwanderung in jene scheinbaren Gefilde des Wohlstands erblicken, als auch diejenige derer, die in der Gewaltanwendung ihre letzte Möglichkeit zur Gewinnung einer individuellen Existenzgrundlage erblicken. Der von Gunnar Heinsohn beschriebene „Youth Bulge” ist – wenn auch weniger im konkreten Falle des IS – ein Faktor, der den Weltbürgerkrieg weiter befeuern wird, so diese ständige Produktion von Noch-mehr-Mensch nicht einen Mittelpunkt künftiger Überlegungen bildet. So bösartig es klingen mag: Unsere humanistische Gesellschaft gefällt sich darin, hungernde Babies zu retten – aber sie vergisst, den daraus erwachsenden Menschen eine Lebensperspektive zu geben.
Wenn heute Länder wie China nicht nur in Afrika von korrupten Herrschaftseliten riesige Ländereien langfristig pachten, um dort die Versorgung ihrer eigenen Bevölkerung für die Zukunft sicher zu stellen, dann sind hier bereits weitere Stationen des Weltbürgerkriegs vorprogrammiert. Denn irgendwann werden die dort geborenen Menschen nach der Nahrung verlangen, die auf ihrem Boden für China produziert wird. Sie haben dann die Möglichkeit, entweder die Chinesen mit Gewalt zu vertreiben oder – was wahrscheinlicher ist – sich von den Chinesen im Beharren auf deren Vertragsrechte und um der Sorge ihrer eigenen Bevölkerung willen niederschießen zu lassen. Vielleicht auch tun sie weder das eine noch das andere und wandern gleich aus nach Europa – falls das dann überhaupt noch attraktiv sein wird. Wie auch immer: Dieses Anpachten von Ländereien, das nicht nur China praktiziert, wird am Ende die ortsansässige Bevölkerung dem Hunger preisgeben.
Doch es ist nicht nur China, das hier zu Lasten der Ärmsten agiert. Für die führenden Industrienationen – und ihre globalen Konzerne – sind die Länder mit dem größten Bevölkerungswachstum neben Rohstofflieferanten zu Resterampen verkommen. Wir exportieren Altkleider und vernichten regionales Gewerbe. Was bei uns der Verwertung nicht lohnt, wird verschifft. Egal, ob am Ankunftsort Elektroschrott unter menschenunwürdigen und umweltzerstörenden Bedingungen auf die letzten Reste seiner Wertstoffe ausgebeutet wird. Der Umweltdreck, der nicht nur auf diese Weise entsteht, wird mit den industriell gefangenen Schwärmen exotischer Fische, die auf den Tellern der Wohlstandsgesellschaften landen, zurückgeschickt. Und gleichzeitig wird so weiteren Menschen an Ort und Stelle ihr Lebenserwerb genommen, welche dann ihre vielleicht letzte Chance zum spärlichen Überleben selbst nur noch in der Möglichkeit erblicken, sich in die Reihen der Restwertstoffverwerter einzureihen. Oder gleich dorthin zu wandern, wohin ihre entschwundene Lebensgrundlage bereits den Weg gefunden hat.
Der klassische Kapitalismus, der von Adam Smith in seiner Zeit zu Recht als Grundlage einer prosperierenden Gesellschaft definiert wurde, ist bei sieben Milliarden Erdenbürgern nicht mehr zu rechtfertigen. Es war mit Ludwig Erhard ausgerechnet ein Deutscher, der die soziale Verantwortung des Kapitals in den Mittelpunkt stellte. Sein Ansatz könnte die Basis für den Gewinn des Friedens werden, wenn er global definiert und mit entsprechendem Inhalt gefüllt wird.

Ursache 6 – Die Unwissenheit

Der Mangel an Bildung und das Verharren in der scheinbaren Unschuld der Unwissenheit sind eine entscheidende Ursache für das Entstehen des Proletariats der Fortschrittsverlierer. Lange vor den Vertretern des Fortschritts haben das jene erkannt, die das Proletariat der Fortschrittsverlierer benötigen um darauf ihren eigenen Herrschaftsanspruch aufzubauen. Deshalb führen sie ihren Kampf gegen Schulen, die diesen Namen verdienen, ebenso wie gegen den Anspruch der Frau, Anteil an Bildung zu nehmen. Der Mordanschlag auf jene junge Pakistanerin Malala, die nichts anderes beanspruchte als ihr eigenes Potential ausschöpfen zu können, ist symptomatisch.
Bildung und die Durchsetzung des individuellen Menschenrechts, sich ihren Erwerb von niemandem verbieten zu lassen, ist deshalb eine der wichtigsten Waffen im Weltbürgerkrieg. Wer die Köpfe gewinnt, der kann den Frieden gewinnen. Deshalb ist Bildung eines der wichtigsten Exportgüter in der One-World-Strategie.
Sie kann der entscheidende Schlüssel sein, die in vielen Regionen der Erde nach wie vor herrschende Archaik der Köpfe zu überwinden, wenn es ihr gelingt, die mit der Bildung untrennbar verbundene Idee freier Selbstbestimmung dorthin zu bringen, wo sie am nötigsten ist. Und das sind – leider – nicht nur jene uns scheinbar so fernen Regionen irgendwo in Afrika oder Asien – es sind auch die Abstellkammern unser eigenen Häuser, in denen wir jene sich selbst überlassen haben, über deren Lebensperspektive wir uns bislang geweigert haben, aktiv nachzudenken.
Nur eine Utopie – und doch der Schritt in die Aktualität
All das ist fern jeder Realität? All das muss scheitern, weil es jenen, die es bewirken könnten, zu hohe eigene Opfer abverlangt? All das wird schon deshalb niemals Wirklichkeit werden, weil die Menschheit nie gelernt hat, über den eigenen Tellerrand hinaus zu denken?
Vielleicht ist es so. Und dennoch sollte uns nicht nur Clausewitz den Mut geben, auch das Unmögliche und selbst das scheinbar Unvernünftige zu denken. Denn eines sollte außer jeder Frage stehen: Eine Utopie, die nie gedacht wurde, wird niemals die Chance erhalten, Realität zu werden. Insofern haben wir nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, auch Utopien zu denken wenn es darum geht, die Zukunft der Menschheit auf der Grundlage der für uns maßgeblichen Ansprüche eines menschlichen Miteinanders zu gestalten. Wir sollten nie vergessen: All das, was wir als Menschenrecht und selbstverständliche Grundlage unserer eigenen Existenz betrachten, begann irgendwann als Utopie. Wäre es nicht so gewesen, so würden wir noch heute in Höhlen hausen und nicht einmal ein Lagerfeuer haben, an dem wir uns wärmen könnten.
Dennoch – Utopien verwirklichen sich nicht über Nacht. Deshalb gilt es, aus dem, was ist und dem, was sein könnte, einen Weg zu schaffen, mit dem es uns gelingen kann, der Utopie eine Chance zu geben. Wie dieses nun als dann tatsächlich konkretes und unmittelbar zu erreichendes Kriegsziel der Gegenwart aussehen kann – davon wird im vierten und letzten Teil der Überlegungen zum Weltbürgerkrieg die Rede sein.

4. Von der Wirklichkeit des Geschehenden

Ich habe in den voran gegangenen Teilen jenes zu skizzieren versucht, was angesichts der Situation des Weltbürgerkriegs aktuell am wahrscheinlichsten ist. Ich habe weiterhin den Versuch unternommen, ein Kriegsziel aufzuzeigen, welches nicht nur Schlachten, sondern den Frieden gewinnt.

Ein wenig schwanger geht nicht

Machen wir uns nichts vor. Wir befinden uns bereits mittendrin in dem, was ich als „Szenario 2 – der Pseudosieg” beschrieben habe. Der geschundene französische Präsident Hollande reist durch die Welt, um Verbündete in seinem Krieg gegen den Islamischen Staat zu finden. Seinen Partnern in den USA, Großbritannien und auch Deutschland bleibt keine andere Wahl, als ihm in diesen Krieg zu folgen. Alles andere wäre Verrat nicht nur an Frankreich, sondern auch an uns selbst. Und dennoch bleibt dabei die Erkenntnis unausweichlich, dass „wir” damit vielleicht Schlachten, aber nicht den Frieden gewinnen werden, wenn wir diesen Feldzug nicht in ein übergeordnetes Kriegsziel einbetten und die Grundsätze definieren, nach denen wir diesen Krieg zu führen gedenken.
Wenn es denn so ist, dass ein Krieg zu führen ist, dann sollten wir auch dabei an Clausewitz denken. Er befand:
„Bei dieser Überlegung der Kräfte und dessen, was damit ausgerichtet werden kann, stellt sich häufig der Gedanke ein, nach einer dynamischen Analogie die Zeit als einen Faktor der Kräfte anzusehen und zu meinen: Die halbe Anstrengung, die halbe Summe von Kräften würde hinreichen, in zwei Jahren das zustande zu bringen, was in einem nur mit dem Ganzen errungen werden konnte. Diese Ansicht, welche bald klar, bald dunkel den kriegerischen Entwürfen zugrunde liegt, ist durchaus falsch.”
Mit neudeutscher Lässigkeit formuliert: Ein wenig schwanger geht nicht. Wenn es das vorrangige, das aktuelle Ziel ist, den IS als militärischen Gegner zu vernichten, dann sind dafür alle verfügbaren Mittel einzusetzen – und dieses mit der notwendigen kriegerischen Konsequenz. Es wird unter dieser Prämisse für Deutschland nicht mehr möglich sein, hier mit ein paar Tornados auszuhelfen und dort eine überschaubare Ausbildungsmission zu starten.
Wenn ein Krieg gegen den IS zu führen ist, dann wird es sowohl unter dem Aspekt, die eigenen Opfer möglichst gering zu halten, als auch unter dem Ziel, sich nicht wie in Afghanistan in eine letztlich end- und ziellose Operation zu verstricken, unausweichlich sein, dieses Ziel mit der gebotenen Härte zu verfolgen. Soll der IS militärisch vernichtet werden, dann ist es unvermeidlich, dazu leistungsfähige Bodentruppen einzusetzen.
Darüber hinaus wären wir gut beraten, uns einen konkreten Zeitrahmen zu setzen, innerhalb dessen dieses konkrete Ziel, den IS als militärischen Gegner zu vernichten, erreicht sein soll.

Nicht in die Falle innerislamischer Feindschaften tappen

Dennoch ist dabei jenes zu bedenken, was ich mit der Gefahr beschrieben habe, eine Hydra zu zeugen, die jeden abgeschlagenen Kopf durch zwei neue ersetzt. Europäische Armeen im Nahen Osten werden den Fortschrittsverlierern des fundamentalistischen Islam immer dazu dienen, ihren ungebildeten Massen als jener fest im islamischen Hirn verankerte Ansturm der Kreuzritter propagandistisch zelebriert zu werden.
Der IS darf nicht zum Opfer der „Franken” werden – er muss durch den Islam und in der Region selbst verwurzelte Truppen zerstört werden. Und – auch das ist zu bedenken – er darf als Ergebnis eines fundamental-sunnitischen Koranverständnisses nicht von den traditionellen Gegnern aus der Schia geschlagen werden.
Insofern mag ,um direkte Konflikte zu vermeiden, darüber nachgedacht werden, trotz aller gebotenen Vorbehalte sein Vorgehen an neuralgischen Punkten mit der bereits aktiv involvierten Regionalmacht Iran abzustimmen – nicht aber dem Iran die Schlacht überlassen oder gemeinsam mit ihm in die Schlacht gezogen werden.
Der russische Wolf ist bereits dabei, in dieses Tellereisen zu tappen und sich im Bewusstsein selbst gemäßigter sunnitischer Muslime als Hilfstruppe der verhassten schiitischen „Abtrünnigen” zu etablieren. Die Vorbehalte, nicht als christliche Kreuzfahrer aufzutreten, gelten insofern nicht minder für die Parteinahme zugunsten konkreter religiöser Gruppen. Eine nach russischen Bedingungen geführte Anti-IS-Allianz ist allein aus diesen Erwägungen heraus auszuschließen.
Partner und Verbündete

Wer nun aber können die Partner, vielleicht sogar die Verbündeten sein?
Einen Verbündeten hat der Westen bereits. Es ist die Peshmerga der irakischen Kurden. Sie werden von der Bundesrepublik ausgebildet und mit Waffen unterstützt. Sie sind als überwiegend sunnitische Muslime in der Lage gewesen, mit anderen Glaubensrichtungen der Region und konkurrierenden Kurdenmilizen gemeinsame Militäraktionen zu planen und durchzuführen. Die Rückeroberung der geschundenen Ezidi-Stadt Sindshar sollte jüngst ihren Erfolg dokumentieren. Unnötig zu sagen, dass diese Zusammenarbeit nebst Waffenunterstützung und im Zweifel Absicherung der Rückeroberungen durch europäische Truppen unbedingt auszubauen ist.
Neben der Unterstützung der Peshmerga wäre dringend anzuraten, ein Tabu zu brechen und die kurdische PKK einzubinden. Meine Kontaktpartner zu dieser Miliz machen deutlich, dass dazu eine grundsätzliche Bereitschaft vorhanden ist. Das allerdings setzt zweierlei voraus: Die PKK muss an ihrer Zusage festhalten, auf türkischem Boden keinen separaten Staat einrichten zu wollen – und es muss die manchmal bis zur offenen Feindschaft gehende Konkurrenz zum Barsani-geführten, irakischen Autonomiegebiet überwunden werden. Auch ist sicherzustellen, dass der türkische Präsident Erdogan seinen vorgeblich gegen den IS gerichteten Kampf nicht länger gegen die Kurden seines eigenen Landes führt. Hier ist viel diplomatisches Geschick und im Zweifel auch erheblicher Druck gefragt – eine Aufgabe, bei der sich der ständig besorgte Außenminister Steinmeier tatsächlich beweisen könnte. Eile ist geboten, denn in Folge der russisch-türkischen Verwerfungen ist derzeit bereits Putin mit Überlegungen beschäftigt, die PKK als Instrument zur Destabilisierung der Türkei zu instrumentalisieren.
Auszubauen ist die Kooperation mit der irakischen Führung – ein Aufgabe vorrangig der USA. Fast wichtiger aber noch wird es sein, die sich als Verlierer des amerikanischen Irakfeldzuges begreifenden sunnitisch-arabischen Stämme zu gewinnen. Hier wird insbesondere sicherzustellen sein, dass sie im Irak oder auch in einem möglicherweise neu zu schaffenden, autonomen Gebiet eine angemessene Perspektive an der künftigen Entwicklung der Region erhalten. Seit seiner Gründung einer der engsten arabischen Verbündeten des Westens ist Jordanien. Die Beduinenarmee des Hashemiten und Erben des Sharif von Mekka, Abdullah, wird allein jedoch außerstande sein, einen Krieg gegen den IS zu gewinnen. Ihr wird weiterhin die Aufgabe zufallen, das von Großbritannien geschaffene Kunstprodukt Jordanien als einen der trotz mancher Mängel derzeit fortschrittlichsten Staaten der Region zu sichern – und möglicherweise die Sicherung befreiter Gebiete beispielsweise der Drusen im Süden des zerfallenden Syriens zu übernehmen. Aus Erwägungen, die später angerissen werden, hat für den Westen die Sicherung der konstitutionellen Monarchie Jordanien oberste Priorität.

Problempartner Sa’udi-Arabien und Türkei

Über die am besten ausgerüsteten Streitkräfte in der Region verfügen derzeit Sa’udi-Arabien und die Türkei. Beides allerdings sind Partner, die derzeit mit größter Vorsicht zu genießen sind. Zur Problematik der Geschichte der Sa’ud habe ich bereits in einem früheren Artikel einiges gesagt. Fakt bleibt, dass die Saat, die im IS aufgeht, in den wahabitischen Hinterzimmern der Halbinsel gezüchtet wird. Dennoch wäre es an der Zeit, den Ölscheichs nicht nur in Riyad unmissverständlich klar zu machen, dass sie selbst Opfer des von ihnen gezüchteten, radikalen Islam sein werden, wenn dem IS nicht Einhalt geboten wird. Eine aktive Rolle bei der Bekämpfung von Da’ish und AlNusra nicht nur beim militärischen Vorgehen, sondern vor allem im Kappen der offensichtlichen Geldströme aus dem Wüstenkönigreich wäre darüber hinaus ein Zeichen an die muslimische Welt, es mit dem eigenen, weltweiten Gottesstaatsanspruch übertrieben zu haben. Doch machen wir uns nichts vor: Hier wird viel Druck vor allem der USA vonnöten sein, um die bigotten Verfechter eines archaischen Sharia-Rechts bewegen zu können.
Fast noch unmöglicher scheint es zu sein, die immer noch der NATO angehörende Türkei zu einer konstruktiven Teilnahme am Kampf gegen den Islamischen Staat zu gewinnen. Der vom heimlichen zunehmend zum unheimlichen Muslimbruder mutierende Erdogan kocht seit geraumer Zeit sein eigenes Süppchen. Er kämpft gegen die PKK, die einseitig den Waffenstillstand erklärt und von früheren Zielen Abstand genommen hatte, statt gegen den IS. Er manipuliert mit gezieltem Wegschauen in der Ägäis über das unkontrollierte Übersetzen von illegalen Einwanderern jene EU, die ihm nun erneut den Teppich für eine Aufnahme auszurollen scheint. Er lässt Redakteure der demokratischen Opposition verhaften – und scheut offenbar nicht einmal davor zurück, dieses mit dem „Verrat von Staatsgeheimnissen” zu begründen – weil diese Redakteure über Korruption und heimliche IS-Geschäfte führender AKP-Figuren zu berichten wagten. Wenn Korruption und die Unterstützung einer Terrorgruppe Staatsgeheimnisse sind – dann haben wir es mit einem korrupten Terrorstaat zu tun. Hier – ich wiederhole mich – ist Konsequenz statt Zurückweichen gefordert. Fraglich, ob die Staaten der NATO dazu die Kraft und den Mut aufbringen.
Und Assad? Er kann als Verursacher des Krieges in Syrien kaum als Partner wahrgenommen werden. Es ist zutreffend: Sein Kampf gegen die eigene Bevölkerungsmehrheit hat ihm jegliche Legitimation genommen. Dennoch ist zu bedenken, dass seine alawitische Volksgruppe auch nach Assad auf dem Gebiet des heutigen Syrien leben wird. Als Volksgruppe wird sie in einer Friedenslösung nach der Vernichtung des IS ebenso Berücksichtigung finden müssen wie jene Gruppen der Drusen, Turkmenen, Kurden und anderer Ethnien, die in der Region siedeln.

Der IS ist besiegt – und dann?

Unterstellt, es gelingt in einer koordinierten Kraftanstrengung, IS und AlNusra zu vernichten. Was dann? Der Westen wäre gut beraten, in einem solchen Falle alle Kraft daran zu setzen, eine dauerhafte Lösung der regionalen Konfliktfelder zu bewirken. Vielleicht wird eine Entflechtung der verfeindeten Ethnien unausweichlich sein. Vielleicht auch wird der Weg zum Frieden über die Schaffung mehrerer Kleinstaaten oder autonomer Gebiete führen, die im optimalen Falle im Sinne ihrer eigenen Überlebensfähigkeit in einer Konföderation miteinander verknüpft werden könnten. Doch das wird ein langer Weg sein, über dessen Ergebnis zu spekulieren heute wenig Sinn macht. Prämisse muss es bleiben, die Interessen der unterschiedlichsten Völker so gerecht wie möglich miteinander in Einklang zu bringen. Eine Herkulesaufgabe, gegen die sich die Verhandlungen zum Westfälischen Frieden als ein Spaziergang erweisen könnten.
Sinn allerdings macht es, dass die kriegführenden Europäer zweierlei als unausweichlich begreifen, wenn sie nicht nur einen Frieden organisieren, sondern auch die Flüchtlinge zur Rückkehr in die Heimat bewegen wollen. Die Situation eines Syrien nach einem möglichen Ende der Kampfhandlung wird am ehesten vergleichbar sein mit der des Heiligen Römischen Reichs zum Ende dessen, was in den Geschichtsbüchern als Dreissigjähriger Krieg verzeichnet ist. Das Land und seine Städte werden nicht mehr in der Lage sein, ihre Bewohner zu ernähren. Die Unmöglichkeit der Bewohnbarkeit der Städte zeigt sich nicht nur beim Blick auf das befreite Sindshar.
Die kriegführenden Europäer kommen daher nicht daran vorbei, einen neuen Marshallplan aufzulegen, der gezielt darauf ausgerichtet sein muss, das geschundene Land nicht nur bewohnbar zu machen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, selbst zu einem prosperierenden Gemeinwesen zu werden. Es muss für die Flüchtlinge attraktiv sein, ihr eigenes Land wieder aufzubauen. Wird es das nicht, hat die Welt den Frieden verloren. Dieser Marshallplan wird uns alle viel Geld kosten – und dennoch wird er unvermeidbar sein.

IS weltweit bekämpfen

Ich muss es nicht wiederholen: Der Islamische Staat ist kein auf Syrien und den Irak beschränktes Phänomen. Terrorgruppen radikalislamischer Fortschrittsverlierer finden sich vom Atlantik bis zum Pazifik. Wenn die europäische Welt nun in den Krieg gegen den IS zieht, ist es nicht damit getan, in Syrien und dem Irak erfolgreich zu sein. Sie wird nicht umhin können, mit gleicher Konsequenz gegen die Brüder im Geiste in Nigeria, Mali, Libyen, Kenia, Somalia und anderswo vorzugehen. Tut sie dieses nicht, so bleibt ein Sieg über den IS nur Kosmetik. Sie wird überall dort, wo sie den Krieg gegen die Hydra des islamischen Fundamentalismus führen muss, darauf zu achten haben, dass aus dem Kampf gegen den Terror kein Kampf gegen den Islam wird. Dazu allerdings wird der Islam selbst Maßgebliches beitragen müssen – auch das muss ich hier nicht im Detail wiederholen.
Fast wichtiger noch aber als der militärische Kampf gegen den Terror wird der Kampf gegen die Ursachen desselben werden. Will Europa das nicht begreifen, wird es ebenfalls außerstande sein, den Frieden zu gewinnen. Dieser Kampf ist nicht nur in Europa selbst zu führen, indem den Bewohnern unserer Abstellkammern aktiv und mit großem Einsatz ein erstrebenswerter Weg in unsere Gesellschaft geebnet wird. Er ist auch dort zu führen, wo bereits Ansätze bestehen, den islamischen Terror zu überwinden. Denn Menschen brauchen Perspektiven, sollen sie sich nicht als Ausgestoßene betrachten.

Leuchttürme der Zukunft bauen

Angela Merkel hatte uneingeschränkt recht, als sie beim Deutschen Arbeitgebertag 2015 die bedeutende Rolle Tunesiens unterstrich und dabei – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt – dem Land, das sich auf den Weg in eine Demokratie mit islamischer Bevölkerung gemacht hat, faktisch sogar Waffenunterstützung gegen den fundamentalistischen Terror zugesagt hatte.
Europa muss außerhalb Europas Leuchttürme schaffen, die in diesen Ländern von der eigenen Bevölkerung gebaut und betrieben werden können. Doch sie werden dieses nicht allein schaffen können. Deshalb ist es ebenso wie bei einer irgendwann zu erreichenden Friedenslösung in Syrien-Irak eine vorrangige Aufgabe, Ländern wie Tunesien mit tatsächlich allen Möglichkeiten auf ihrem Weg zu helfen. Verliert Europa ein Land wie Tunesien, dann hat es den Weltbürgerkrieg verloren. Das weiß auch der IS, und deshalb wird er weiter versuchen, das noch fragile Staatswesen mit Terror zu zerstören. Gleiches gilt für Länder wie Mali, Kenia, Ägypten, Jordanien und zahlreiche andere. Europas Entwicklungshilfe ist grundsätzlich neu zu definieren – denn so wichtig einzelne Projekte sein mögen und deshalb fortzuführen sind, so wichtig ist es, in Abstimmung mit den regionalen Bevölkerungen in diesen Ländern die Voraussetzungen zu schaffen für Staatswesen, die ihren Menschen weder Anlass zur Auswanderung noch zur Eingliederung in die Armeen der Fortschrittsverlierer bieten. Wir müssen – auch daran führt kein Weg vorbei –hier deutlich mehr Geld in die Hand nehmen – und wir dürfen die Kontrolle über dessen Einsatz nicht aus der Hand geben. Wir müssen Know-how, Bildung und echte, wirtschaftliche Zusammenarbeit in den Vordergrund stellen – und bereit sein, die Zukunft dieser Länder notfalls auch militärisch abzusichern. Es ist ein langer und nicht immer leichter, aber der einzig sinnvolle Weg in diesem 21. Jahrhundert.
Von der Vorstellung, unsere Demokratie Eins zu Eins exportieren zu können, werden wir uns dabei ebenso freimachen müssen wie von der Vorstellung, unsere Ideale von Menschenrecht und Freiheit über Nacht implementieren zu können. Demokratien können nicht aufgesetzt werden – sie müssen aus den Völkern selbst erwachsen. Und das werden sie nur, wenn diese Länder über zunehmenden Wohlstand ihrer Menschen den Weg dorthin gehen können. Es wird – ich sagte es schon – unsere Aufgabe sein, ihnen dabei mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – zivilen, wirtschaftlichen und militärischen – zu helfen. Tun wir dieses nicht, dann werden wir vielleicht demnächst den Sieg in der Schlacht gegen den IS feiern können – und den Weltbürgerkrieg dennoch verloren haben. Denn auch in diesem Krieg gilt, was Clausewitz feststellte: „Wollen wir einen Gegner niederwerfen, so müssen wir unsere Anstrengungen nach seiner Widerstandskraft abmessen.”
Und diese – darüber sollte sich niemand irgendwelchen Illusionen hingeben, wird gewaltig sein.

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