Wir müssen Neubürger emotional zu Deutschen werden lassen

von Hussam Chaaban

Wohlstand verdirbt den Charakter, heißt es. Das gilt für alle Menschen, weiblich oder männlich, schwarz oder weiß, In- oder Ausländer. In seltenen Fällen paaren sich Wohlstand und Charakter. Und die Paarung zwischen Wohlstand und Charakter gebar dann den Gutmensch. Ich denke aber, das wichtigste ist der Charakter – nicht der Wohlstand. Dennoch streben die meisten Menschen nach Wohlstand und kümmern sich eher weniger um den Charakter.

Daher wandern die Menschen dahin, wo sie den Wohlstand finden – das ist menschlich verständlich auch dann, wenn es nicht von jedem gern gesehen wird. Wenn nun aber zu viele Menschen zu viel von diesem einen Kuchen haben wollen, dann gibt es Kriege! Und das gilt umso mehr dann, wenn der Kuchen immer kleiner oder nur unter ganz wenigen aufgeteilt wird, wie es in vielen der Heimatländer der Wohlstandsuchenden der Fall ist.
So darf sich auch niemand wundern, dass unzählige Menschen nach Europa kommen wollen. Und es ist auch nachvollziehbar, dass es viele gibt, die dieses zu verhindern suchen. Die Gegner der Einwanderung tun dieses aus ihrer Sicht aus guten Gründen – denn sie waren ja zuerst da und sind aus ihrer Sicht die „Macher” dieses Wohlstands, an dem nun andere teilhaben wollen. Die Einwanderer hingegen sehen sich als Opfer von Kriegen und wirtschaftlicher Not und leiten daraus ein Anrecht darauf ab, sich als Menschen von diesem Kuchen ein kleines Stück abschneiden zu dürfen. Das birgt Konflikte – und diese Konflikte sind seit dem vergangenen Sommer in Deutschland angekommen.

Deutschland und seine Tugenden

In Deutschland hört man sehr oft von den „deutschen Tugenden” und viele „Patrioten” meinen in vollem Ernst, dass einzig diese das Land ausmachten. Doch blickt man sich in der Welt um, so findet man fast in jedem Land bei den Menschen ähnliche Eigenschaften. Trotzdem führt das in vielen Ländern nicht zu dem erhofften Fortschritt – und der Wohlstand, der Deutschland charakterisiert, bleibt ohnehin aus.
Aus meinen Erfahrungen in Syrien und in Deutschland behaupte ich nun, dass erst der Wohlstand überhaupt einem Land zum Fortschritt verhelfen kann. Natürlich gehört dazu auch ein wenig Glück. Und sei es nur das Glück, an einem Ort zu leben, an dem die Klimaverhältnisse so sind, dass niemand bereits all seine Kraft daran setzen muss, seine Familie halbwegs ernähren zu können und das einem deshalb alle Chancen bietet, mehr aus seinem Leben zu machen. So sind es eben viele Faktoren, die ein Land wie Deutschland zu dem machen, was es ist. Die Bereitschaft der Menschen, für ihr Land und sich selbst zu arbeiten ist einer davon – aber das ist es eben nicht allein.

Ein Land braucht die Gemeinschaft aller

Deutschland ist ein Ort, an dem die meisten Menschen verstanden haben, dass Staat Gemeinschaft bedeutet und nicht das Ausgeplündert-werden der Vielen durch die Wenigen. Ein solches Land braucht kluge, weitsichtige Menschen und es braucht Skeptiker. Und es braucht eben auch die Gutmenschen, die naiv an eine bessere, gerechtere Zukunft und an das Gute im Menschen glauben.
Die Menschen, die heute nach Europa einwandern, bestehen wie die Deutschen selbst aus allen solchen Charakteren. So wundert es auch nicht, dass unter ihnen alles zu finden ist – von dem, was uns gefällt bis hin zu dem, was uns nicht gefällt. Und gerade deshalb sollten wir ihnen ein Angebot machen, wenn sie nicht – wovon es wie überall auch welche gibt – unsere Gesetze sträflich missachten.
Das Volk in Deutschland war schon immer ein kunterbunt zusammengewürfeltes Volk. Da kamen Franzosen und Polen, Schweden und Italiener, Spanier und Tschechen, Russen und Jugoslawen. Bei den meisten von ihnen erinnert gerade noch einmal der Name daran, dass in der Vergangenheit ihre Vorfahren den Weg aus der Not nach Deutschland fanden.
Deutschland braucht keinen dumpfen Nationalismus

Nicht nur wegen dieser gemeinsamen Geschichte benötigt Deutschland keinen dumpfen, ethnisch begründeten Nationalismus, muss es niemanden, der dazu gehören möchte, ausgrenzen. Denn der Kern der Deutschen, des Deutsch-Seins, ist eben nicht eine deutsche Rasse oder ein deutsches Volk, sondern die Gemeinschaft derer, die in Deutschland leben und zusammen den Wohlstand schaffen, der Deutschland auszeichnet und auf dem wir gemeinsam den Fortschritt aufbauen.
Deutsch sein, das heißt vor allem, dazu zu gehören. Und dazu gehören zu wollen. Stolz zu sein darauf, was man gemeinsam geschaffen hat und künftig schaffen wird. Mir tut es jedes Mal schrecklich weh, wenn bei unseren Länderspielen einige Fußballnationalspieler die Hymne nicht mitsingen. Und ich spüre genau, dass sie zwar für Deutschland spielen, aber das „Deutsch-sein” bei ihnen niemals richtig angekommen ist. Weil selbst ihnen dieses Deutsch-sein niemals bewusst überreicht, geschenkt wurde.

Die Einbürgerung als emotionalen Akt zelebrieren

Wer dazu gehören will und dazu gehören soll, der muss diesen Wandel vom Nicht-Deutschen zum Deutschen emotional spüren können. Es muss wie ein Aufnahmeritus ein symbolischer Akt sein, an den „der Neue” sich sein Leben lang erinnern wird, weil er für ihn den entscheidenden Schritt in ein neues, in ein besseres Leben festmacht. Und das auch deshalb, weil viele dieser neuen Deutschen trotz ihrer Sehnsucht hart mit sich ringen mussten, ihre alte Heimat zu verlassen und die meistens über Generationen reichenden, alten Bindungen aufzugeben.
Zuwanderer stehen häufig innerlich unter starken, emotionalen Spannungen, denn sie wissen eben selbst dann, wenn ihnen am Ende eines bürokratischen Prozesses die Einbürgerungsurkunde übersandt wird, nicht, ob das nicht vielleicht doch nur ein nichtsagendes Stück Papier ist – oder ob sie jetzt tatsächlich dazu gehören.
Deshalb plädiere ich dafür, jedem, die sich ein Anrecht auf die Staatsbürgerschaft erworben hat, in einem symbolischen, emotionalen Akt die Staatsbürgerschaftsurkunde persönlich zu überreichen. Die „Geburt” als Deutscher sollte als nationale Angelegenheit zelebriert werden . Der Eingebürgerte muss diese neue Zugehörigkeit feierlich spüren und dabei versprechen, sie im Guten zu bewahren.
Die Amerikaner haben schon lange erkannt, wie wichtig eine solche Zeremonie ist. Derjenige, der vom Geduldeten zum neuen Staatsbürger wird, erhält seine Urkunde feierlich überreicht – und er schwört, die Verfassung der Vereinigten Staaten zu achten und zu verteidigen. Genau das sollten auch unsere neuen deutschen Bürger tun. Denn dann ist dieser Schritt für sie tatsächlich in seiner ganzen Tragweite erfahrbar, und das Geschenk der Einbürgerung wird erwidert werden.

Wir werden Deutschland nicht auf den Kopf stellen

Manch sogenannter „Bio-Deutscher” hat offenbar Angst, in Unterzahl zu geraten. Doch das liegt maßgeblich daran, dass er nicht nachvollziehen kann, die neuen Bürger als deutsche Bürger anzusehen. Auch ihm könnte die Symbolik einer wirklichen Einbürgerungszeremonie das sichtbare Zeichen geben: Hier ist einer, der zu uns gehören möchte. Und den wir nun zu einem der unsrigen gemacht haben.
Und wer dennoch fürchtet, wir, die deutschen Bürger, die einst aus fremden Länder hierher gekommen sind, um Deutsche zu werden, würden alles auf den Kopf stellen, denen möchte ich sagen: Die weitaus größte Zahl dieser neuen Bürger hat sich längst emanzipiert von Almosen. Wir sind in allen Bereichen des Lebens angekommen und ärgern uns wie Sie darüber, wenn die Steuerklärung mit Nachforderungen zurückgeschickt wird. Und wie Sie wissen wir trotzdem, dass auch hier die Fairness dazu gehört, niemanden besser oder schlechter zu behandeln, weil wir mit diesen Steuern unseren gemeinsamen Staat finanzieren und unsere gemeinsame Zukunft bauen.
Wir, die neuen Bürger dieses Landes, versprechen Ihnen nicht nur deshalb: Wir werden auch die deutschen Tugenden nie im Wohlstand ertrinken lassen! Und das nicht nur, weil sie auch unsere Lebensziele beschreiben, sondern weil wir verstanden haben, das dieses Land eben genau deshalb das Ziel unserer Wünsche war, weil wir wie in Deutschland – und das heißt dann auch trotz mancher Eigenarten: wie Deutsche – leben wollten. Lassen Sie es uns gemeinsam tun. Miteinander. Nicht gegeneinander.

 

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