Von 68 nach Köln und zurück

Als ich heute mit einigen Tagen Abstand noch einmal darüber nachdachte, was meinen von mir sehr geschätzten Bekannten Michael Gwodz geritten haben kann, sich mit dem an Dämlichkeit (ich bitte vorsorglich um Entschuldigung, liebe weibliche Leser – leider kennt die deutsche Sprache dafür kein treffenderes Wort und „Herrlichkeit“ würde ohne Zweifel in eine falsche Richtung führen) nicht zu überbietenden Satz „alle Männer sind potentielle Vergewaltiger“ einem über Deutschland hinaus reichenden Shitstorm auszusetzen, kam mir zwangsläufig ein flüchtig gelesener Kommentar in den Sinn, der diesen Ausfall auf Sponti-Sprüche aus der Frühphase der damals noch als außerparlamentarische Opposition betrachteten, heute allerdings zur parlamentarischen Mainstream-Organisation mutierten „progressiven“ (Achtung! Nur eine linke Selbsteinschätzung damaliger Tage!) Garde der Revolution zurückführte.

Wie das mit Assoziationsketten manchmal so ist, waren prompt zwei weitere, damals ebenfalls ständig gepredigte Sponti-Sprüche im Kopf. Zum einen jenes demonstrativ getragene Banner der anti-amerikanischen Friedensbewegung, dieses scheinbar so Friedens-fördernde „Fighting für peace is like fucking vor virginity“. Zum anderen stand spontan das ultimativ von Rudi Dutschke bis Erwin Teufel deklarierte Manifest der sexuellen Befreiung im Raum, welches da lautete: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“

Fighting for peace …

Als nun die Assoziationskette vor meinem geistigen Auge ablief, fiel es mir wie jene sprichwörtlichen Schuppen aus den Haaren! Alles das, was gerade hier an Sponti-Sprüchen aus den Tiefen der Erinnerung gekramt worden war, hatte heftig mit Sex zu tun. Männlichem Sex. Oder besser: Männlichen Sexfantasien.
Da wird bei jenem „Fighting for peace“ das damals noch ausschließlich vom Manne bediente Kriegswerkzeug zum männlichen Geschlechtsorgan. Oder umgekehrt. Der Penis – eine brutale Waffe, die irgend etwas herbeizwingen will und alles, was sich ihm dabei in den Weg stellt, wegschießt. Ein gefährliches, männliches Spielzeug, das anderen, im Verständnis jener Zeit zumeist Unschuldigen, seinen erbarmungslos Willen aufzwingt.
Das, worauf dieser Sponti-Spruch tatsächlich zielt, ist ja nur scheinbar das „Frieden schaffen ohne Waffen“. Denn hätte man diesen Spruch tatsächlich in seiner ganzen philosophischen Tiefe exekutieren wollen, dann hätte dieses in der Konsequenz bedeutet: Waffen in den Schredder, Schwanz ab! Zumindest aber hätten die Sprücheklopfer beides unzugänglich im Giftschrank verschließen müssen. Sex als Gewalt potentieller Vergewaltiger gegen Frauen – logisch: Ebenso zu unterbinden wie jeglicher Einsatz von militärischen Waffen.
Wobei, wenn man ganz genau hinschaut, dann geht es in diesem Spruch ja auch nicht wirklich um Frauen. Es geht um Jungfräulichkeit – und das macht es eigentlich noch viel schlimmer. Denn Jungfrauen, das sind jene häufig gerade noch Kinder, die erst zur Frau werden wollen. Klar, spätestens mit dem ersten „fucking“ ist es damit vorbei. Gerade deshalb aber spricht aus diesem Spruch nicht nur eine Verharmlosung, sondern eine tiefgreifende Verachtung der Frau. Denn der überzeugte Sponti (männlich) fightet nicht for Peace und fuckt nicht for Virginity. Wozu auch – einmal entjungfert, kann es dann richtig losgehen. Hat ja dann nichts mehr mit Gewalt zu tun, weil das lästige moralische Hindernis abgeräumt ist.

Wer zweimal mit derselben pennt …

Damit sind wir dann bei jenem Anti-Establishment-Spruch. „Wer zweimal mit derselben pennt …“ – kann man seine Frauenverachtung eigentlich noch deutlicher machen? Da geht es nicht um Gefühle oder gar das, was so gern als Liebe bezeichnet wird und was aus revolutionärer Sicht eine überflüssige, bürgerliche Sexbremse war – hier geht es um die animalische Triebbefriedigung mit einer Einwegdose. Nehmen, nutzen, wegwerfen.
Verantwortung für die Frau, die zu jenen Zeiten in diesen Kreisen selbstverständlich die Pille nahm und sich angesichts der damals käuflichen Produkte vielleicht eine Embolie einhandelte? Doch nicht das Problem des aufrechten Kämpfers für die Weltrevolution!
Verpflichtungen für das Kind, das vielleicht aus diesen One-Night-Stands entsprang? Nicht doch für den wahren Revoluzzer, der die Nazi-verseuchte Republik vor den Springers und Kiesingers zu retten hatte! Soll die Revolutionärin doch Abtreiben, wenn sie zu blöd zum Verhüten ist! Oder den Balg dem Staat übergeben – not my business!
Muss man sich eigentlich ernsthaft wundern, dass nach dieser männlich-sexual-revolutionären Dynamik die Forderung nach Legitimation der Abtreibung ganz groß in Mode kam?
Und da der mit Hormonen vollgepumpte Jungrevolutionär der späten Sechziger seinen unstillbaren Trieb nicht nur einmal im Jahr oder einmal im Monat, sondern am besten tagtäglich ausleben wollte, hätten sich ihm im Jahr bis zu 360 Frauen bereitwillig zur Verfügung stellen müssen. Soweit ging es dann aber mangels Angebot allerdings doch nicht – weshalb mancher dieser männlichen Möchtegern-Revolutionäre schon mit sich haderte, weil er ja nun alles, aber um alles in der Welt nicht zu Establishment gehören wollte. Doch da half dann im Zweifel eine frisch belebte, alte Lebensweisheit: „Einmal ist keinmal!“. Weil nun nach dem ersten Keinmal beliebig viele weitere Keinmals folgen konnten, war das revolutionäre Sponti-Gewissen befriedigt. Hauptsache, Frau hatte verstanden, dass es hier nur um animalischen Sex, um männlichen Sex ging. Keine Bindung – keine Verantwortung – nur Lust. Männlich-revolutionäre Lust unter dem animalisch-verträumten Konterfei des großen Revolutionshelden Che! Nicht mehr – G-Punkt-Debatte war später.

Die Legende der 68er-Emanzipation

Hat sich was mit sexueller Befreiung und Frauenemanzipation in den revolutionären Kreisen der 68er. Frau hat zur Verfügung zu stehen wie ein Gebrauchsgegenstand. Die Revolutionäre müssen ihre Hormone abbauen – und da sie für den Bordellbesuch kein Geld haben und das ja ohnehin nur etwas für diese verklemmten, oberpeinlichen Ehemänner der Spießbürger ist, fehlten eigentlich nur noch die Damen, denen man den kostenlos bereitzustehenden, gewalttätigen Machosexismus als revolutionäre Großtat verkaufen konnte. Die Kommune – dieses damals in jenen Kreisen als ultima ratio progressiver Lebensentwürfe gefeierte multigeschlechtliche Zusammenleben Vieler – war vielleicht doch nichts anderes, als was sie von manchen bösartigen „Spießbürgern“ damals gehässig angeprangert wurde: Ein kostenloses Bordell der Lustbefriedigung.
Das eigentlich Faszinierende: Es fanden sich reihenweise Frauen, die diese Machospiele ihrer sexuellen Ausbeutung begeistert mitspielten. Vielleicht, weil man ihnen erzählt hatte, dass sie selbst ungemein „progressiv“ und „revolutionär“ sind, wenn sie sich zum Gebrauchsgegenstand der Revolutionäre machten? Wer weiß.
Wie auch immer – das liegt nun über fünfzig Jahre zurück. Wirrungen einer Übergangsphase, in der eine frische, aufrechte Jugend die alten Zöpfe abschnitt und jener Daniel-Cohn Bendit im Ausleben des „Fucking for peace“ schriftlich davon schwärmte, wie wunderbar Sex mit Minderjährigen sein kann.

Und plötzlich die Erkenntnis …

Oder vielleicht doch nicht? Wenn ich mir die Reaktionen mancher Alt-68er und ihrer geistigen Implantate auf die Vorgänge der Silvesternacht anschaue, drängt sich mir ganz spontan der Eindruck auf, dass dieses anti-emanzipatorische Frauenbild nicht nur in deren männlichen, sondern auch in deren weiblichen Köpfen bis heute fest verankert ist. Denn sponti-revolutionär betrachtet: Was anderes wollten denn die Kerle am Kölner Hauptbahnhof und anderswo als ihren Sexspaß? Genau diesen verantwortungslosen, einmaligen Sex, den die Sponti-Generation sich auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Und was können diese armen Jungs, die ähnlich den 68ern auf alle Konventionen pfeifen, nun dafür, dass die angefragten jungen Damen in die prüde Spießbürgerlichkeit ihrer Großeltern zurückgefallen sind? Wo doch die 68er selbst mit ihrem Siegeszug heute überall das große Wort schwingen! Weibliche Selbstbestimmung? Das hat schon 68 keinen echten, männlichen Revolutionär interessiert. Warum also heute?
Dann kommt die Erkenntnis! Klar: Weil es anders als 1968 eben keine „weißen“ Männer waren, die hier nach den mittlerweile altrevolutionären Regeln leben wollten! Die erste, die das treffsicher erkannte, war unsere gemeinsame Bundestagsvizepräsidentin mit dem programmatischen Namen Claudia Roth. Die Frauen in Köln, auf der Reeperbahn und anderswo – alles klammheimliche Rassistinnen, die den revolutionären Elan der Roth-Generation verloren haben! Und deshalb ist die Verweigerung dieser prüden Ischen eigentlich nichts anderes ist als ein Verrat an den Idealen der 68er-Generation! Darf man nur nicht ganz so deutlich sagen und deshalb im Nebel der Relativierungen verpacken.
Endlich, Frau Roth, habe ich die wahre Motivation Ihrer Einlassungen verstanden. Hier geht es nicht um die Selbstbestimmung der Frau, sondern darum, abschließend die Ideale der Revolution auch auf sexuellem Gebiet zum selbstverständlichen Gesellschaftsmodell zu machen. Die nicht-weißen Männer Nordafrikas als neue, dynamische Speerspitze der ewigen Revolution!
Nieder mit den rechten, weißen Rassistinnen und Rassisten, die freien und jederzeit verfügbaren Sex nur „weißen Männern“ zugestehen wollen, wenn diese dann, wie Möchtegern-Polemiker Jakob Augstein feststellte, auf den Wiesn fröhlich vor sich hin grabschen. Logisch, dass Augstein das so sehen muss – er kann es gar nicht anders sehen! Denn in seinem Hirn spukt dieser powermachomäßige 68er-Revolutionsunsinn ja nach wie vor ohne jedwede Einschränkung und Fortentwicklung …
Jetzt plötzlich reißt die Assoziationskette. Das kann doch nicht wirklich so sein! Solche Verrücktheiten in erwachsenen Köpfen?
Aber wer weiß. Vielleicht haben diese frauenverachtenden Männerfantasien, die sich dereinst in den Spontisprüchen und bekifften Nächten Bahn brachen, tatsächlich bei manchen bis heute solch eine revolutionäre Wirkkraft, dass man diese Assoziationskette benötigt um zu verstehen was in den Köpfen von Augstein, Roth und Co abläuft.
Da nun aber – um zum Einstiegsimpuls zurück zu kehren – nehme ich meinen Bekannten ausdrücklich aus. Viel zu jung, viel zu gleichberechtigt, viel zu reflektiert. Und leider trotzdem nicht gefeit davor, in einer Situation der Übernächtigung auf einen dieser den männlich-revolutionären Dauersextrieb entschuldigen sollenden, saudämlichen Sponti-Sprüche zurückzugreifen. Vermutlich war es einfach nur ein kurzer Aussetzer, für den er sich glücklicherweise längst öffentlich entschuldigt hat. Aber trotzdem: Vielleicht färbt zu langer Umgang mit den Altrevoluzzern irgendwann ein wenig ab …

©2016 Spahn

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