Kommunizierende Röhren des Sozialen

Bei dem nachstehenden Beitrag handelt es sich um den Ausschnitt eines in Arbeit befindlichen Buchprojektes, welcher noch nicht abschließend redigiert wurde. Die Veröffentlichung erfolgte aus Anlass der Rede Wladimir Woinowitsch anläßlich der Verleihung des Lew-Kopelev-Preises in Köln: „Die Politik Russlands erinnert an ein Pendel, das vom Despotismus zum Liberalismus hin und zurück schwankt, doch die Amplitude dieses Pendels nimmt immer weiter zu. Von Stalins Diktatur zu Chruschtschows Tauwetter, von Breschnews Stagnation zu Gorbatschows Perestroika. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts schlug das Pendel sehr heftig in Richtung Freiheit, Demokratie und europäischer Werte aus, dann schwenkte es zurück, kam am anderen Ende an, aber da kann es nicht bleiben. Ich bin überzeugt davon, dass in nächster Zukunft Russland das machen muss, was die Ukraine gerade mit großer Anstrengung verfolgt: sich an Europa annähern,ein Teil Europas werden. Ich zweifle nicht daran, dass auch Russland bald diesen Versuch unternehmen wird und schlussendlich zu einem normalen europäischen Land wird, das keine Helden und noch nicht mal Satiriker benötigt.“

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Kommunizierende Röhren des Sozialen

Können wir uns „das Soziale“ also im Sinne kommunizierender Röhren vorstellen?
Liegt der Erfolg und damit die Bedeutung des Sozialen in der Gleichgewichtung zwischen Kollektiv- und Individualnutzen?
Stellen wir uns das Soziale in kommunizierenden Röhren vor, so findet sich für den Ameisenstaat das Bild eines Kollektivs mit absolutem Kollektivnutzen. Auf der anderen Seite steht dem als sozialer Gegenentwurf ein Röhrensystem gegenüber, dessen Individualnutzenrohr höchstmöglich gefüllt ist. So wie beim absoluten Kollektivnutzen die Bedeutung des Individuums gleich Null ist, so ist umgekehrt beim absoluten Individualnutzen der Kollektivnutzen gleich Null.
Wir haben uns das Soziale insofern in einer Bandbreite vorzustellen, die von der uneingeschränkten Bedeutung des Kollektivnutzens bis zur ebenso uneingeschränkten Bedeutung des Individualnutzens reicht. So, wie das Individuum auf der linken Seite in seiner Bedeutungslosigkeit keinerlei Ansprüche an das Kollektiv geltend machen kann und ausschließlich als dienendes Glied des Kollektivs zu verstehen ist, findet sich auf der rechten Seite die Bedeutungslosigkeit des Kollektivs als ausschließlich dem Individuum dienendes Instrumentarium.
Bleiben wir beim Bild der Kommunizierenden Röhren und übertragen wir dieses auf menschliche Gesellschaften, so spiegelt sich hier die gesamte Bandbreite zwischen korporativem Kollektivismus und libertaristischem Individualismus wider: Die linke Röhre steht für ein Gesellschaftsmodell, in dem sich jegliches individuelle Interesse dem Kollektiv unterzuordnen hat. Die rechte Röhre hingegen charakterisiert ein Gesellschaftsmodell, in dem sämtliche Kollektivfunktionen ausschließlich dem Individuum dienen.

kommRöhren
Wir könnten versucht sein, die jeweiligen Röhren, die wir aus dem Blick auf die Tierwelt abstrahiert haben, unmittelbar auf menschliche Staats- und Gesellschaftsformen in Anwendung zu bringen und dabei nach klassischem Rechts-Links-Denkmodell die Betonung des Kollektivnutzens als kommunistisches und die Betonung des Individualnutzens als faschististisches Modell zu verstehen. Hier allerdings beweist sich die Erkenntnis, dass im klassischen Bild „linke“ und „rechte“ Politikmodelle so weit voneinander entfernt nicht sind, wie ihre Anhängerschaft häufig zu deklarieren versucht. Tatsächlich basieren sowohl das kommunistische wie das faschistische Weltbild auf einer deutlichen Betonung des Kollektivnutzens, dem sich das Individualbedürfnis unterzuordnen hat. Die Unterscheidung reduziert sich bei dieser Betrachtung tatsächlich auf die Definition des nutzenden Kollektivs im Sinne der Identität: Ist es beim kommunistischen Modell eine gesellschaftliche Klasse – und somit eine Sozialidentität – so findet sich beim faschistischen Modell in der Regel eine Gemengelage aus sozialer und nationaler Identität im Sinne eines „Geburtsrechts“. Das klassische italienische Faschismusmodell entstand aus einer Sozialidentität, die sowohl gegen Liberalismus wie gegen Kommunismus gerichtet war. Die Betonung des Nationalen setzte – anders als im nationalen Sozialismus der NSdAP des Adolf Hitler – als politisches Instrumentarium zur ideellen Begründung der Gleichschaltung der Gesellschaft auf die Sozialidentität auf. Der Konflikt innerhalb der noch jungen NSdAP zwischen Otto Strasser und Adolf Hitler ließe sich insofern am ehesten als der Konflikt zwischen dem nationalem Sozialismus Strassers und dem sozialistischem Nationalismus Hitlers beschreiben. Im ersten Falle dient der Bezug auf das Nationale maßgeblich der Begründung und Durchsetzung der sozialistisch geprägten Kollektivismusvorstellungen Strassers, während im zweiten Fall die sozialistische Kollektivismusidee maßgebliches Instrument zur Durchsetzung eines rassebegründeten Nationalismus wird, wie ihn Hitler in „Mein Kampf“ in den Mittelpunkt seines Weltbildes stellt. Tatsächlich steht hinter Hitlers Anschauung die Vorstellung des autoritären Führerstaates, in der im Idealfall der Individualismusanspruch einer einzigen Person alles Tun und Handeln der Gesellschaft und des Einzelnen in derselben prägt. Der absolute Individualnutzen eines einzelnen Individuums erfordert so die nicht minder absolute Kollektivierung aller anderen Individuen als Unterwerfung unter den Individualwillen eines Einzelnen.
Tatsächlich hat diese Idealvorstelllung des Führerstaates mit dem Idealbild des Sozialismus nichts mehr gemein, da jener in der Idee der Räterepublik zumindest ideell einer Vorstellung anhängt, in der die Individualinteressen aller Mitglieder der Gesellschaft gleichberechtigt über ein vernunftselektierendes Beratungsinstrument zu Kollektivinteressen werden. Dass diese Vorstellung bereits in der frühen Sowjetunion zu einem Disziplinierungs- und damit Machtdurchsetzungsinstrument verkehrt wurde, liegt nicht zuletzt in der Unmöglichkeit, einen singulären Kollektivnutzen aus multipolarem Individualnutzen heraus zu entwickeln.
So, wie Bakunins ideeller Geburtsfehler in der Vorstellung liegt, das menschliche Individuum sei in der Weiterentwicklung der Kantschen Idee der Vernunft aus sich selbst heraus zu dieser fähig, so liegt der Geburtsfehler der Marxschen Philosophie in der Idee, aus kollektivem Gemeinwohlinteresse heraus eine nicht minder vernünftige Gesellschaft dann schaffen zu können, wenn die dem Gemeinwohl hinderlichen Individuum aus dem Kollektiv entfernt worden sind (was als „Diktatur des Proletariats“ letzlich der Legitimation einer sozialen Gruppe als Herrschaftselite über die Gemeinschaft dient und somit selbst nur eine andere Beschreibung eines ebenso totalitären Herrschaftsmodells ist wie jene, die dadurch vorgeblich abgelöst werden sollen). Marx wie Bakunin scheitern daran, dass auch der Mensch als dem Selbsterhalt verpflichtetes Lebewesen niemals ganz Altruist sein kann – und damit spätestens in der existentiellen Krise auf die Ebene des Egoisten zurückfallen muss. Täte er dieses nicht, wäre er evolutionsbiologisch untauglich weil im Sinne der Arterhalt unnötig.
Hinsichtlich des Schaubildes der kommunizierenden Röhren des Sozialen befinden sich auf der linken Seite des Bildes der kommunizierenden Röhren des Sozialen tatsächlich sowohl jene Gesellschaftsmodelle, die als kommunistisch und faschistisch bezeichnet werden (was gleichzeitig die Übergänge von dem einen zum anderen erklärt), während wir auf der rechten Seite libertär-anarchistische Gesellschaftmodelle im Sinne Bakunins antreffen. Es soll an dieser Stelle nicht darüber nachgedacht werden, ob diese beiden Extreme gleichermaßen geeignet sein können, die Prämisse der Arterhaltung zu gewährleisten – zumindest mit Blick auf die Tierwelt wird dieses mit einem Ja beantwortet werden können – sondern ob und wie weit sie in ihren Extremen als menschliche Sozialmodelle funktionieren.
Tatsächlich ist zu unterstellen, dass ein absolut kollektivistisches Gesellschaftsmodell die Grundprämisse der Arterhaltung erfüllen kann. Allerdings steht es in deutlichem Widerspruch zur Individualausprägung menschlicher Existenz. Die Funktionsfähigkeit des absolut individualistisch ausgeprägten Gesellschaftsmodells mag hingegen auf den ersten Blick angezweifelt werden. Da es dem einzelnen Individuum in diesem Modell ohne Bedeutung ist, ob und wie die alternen egoi existieren, wäre davon auszugehen, dass die Art über diese Überbetonung des Individuellen im Sinne eines uneingeschränkten Egoismus zugrunde gehen müsste. Tatsächlich wird dieses dann unterstellt werden können, wenn alle Individuen gleichermaßen ausschließlich ihren Individualbedürfnissen nachgehen, da in diesem Falle der Sozialverband seine Funktionsfähigkeit verliert.
Allerdings gilt dieses mit Blick auf menschliche Gesellschaften auch bei Absolutsetzung des Kollektivs, da die dadurch resultierende, kollektivistische Ausbeutung des Individuums über dessen Vernichtung im Dienste des Kollektivs ebenfalls die arterhaltende Grundprämisse insofern verletzt, als die biologische Vielfalt von denkbaren Krisenbewältigungsstrategien, die den Erfolg der Gattung Mensch auf dem Planeten Erde erst möglich gemacht hat, durch den absoluten Kollektivismus außer Kraft gesetzt wird.
Daher haben wir uns die kommunizierenden Röhren, die als solche im physikalischen Sinne immer nach einem Ausgleich im Sinne der unbedingten Gleichsetzung der Anteile beider Röhrenteile streben (wie im mittleren Segment des Röhrenbildes dargestellt), eher als eine Parabelfunktion vorzustellen, auf der die Kugel Pendelbewegungen in beide Richtungen zulässt (Bild 2).

bild2
Dominiert der Anspruch der Individuen – was gleichbedeutend ist mit der Benachteiligung des Kollektiven – so verlagert sich der Anspruch auf soziale Beteiligung deutlich nach links mit der Forderung nach mehr Berücksichtigung der kollektiven Interessen. Der mainstream der Gesellschaft rückt in Richtung Kollektivismus (Bild 3).

bild3
Umgekehrt führt eine Überbetonung des Kollektivanspruchs zur Forderung nach mehr individueller Berücksichtigung – d. i. der Anspruch nach mehr individueller Lebensgestaltungsfreiheit (Bild 4).

bild4
Die Bilder [2 + 3] könnten als Abbild der Konflikte in demokratischen Regierungssystemen angenommen werden. Die Parabel des überbetonten Individuums entspräche dabei den Erwartungen bürgerlich-liberaler Politik, während die Parabel des überbetonten Kollektivs sozialen Wunschvorstellungen entspräche.
Es sei in diesem Zusammenhang allerdings darauf hingewiesen, dass die Forderung nach sogenannter „sozialer Gerechtigkeit“ nicht zwingend gleichbedeutend ist mit einem höheren Anspruch des Kollektiven. Ganz im Gegenteil kann die Zentralstellung sogenannter „Maßnahmen zum sozialen Ausgleich“ mit der Konsequenz einer besonders herausgehobenen Subventionierung der Individualinteressen von gesellschaftlichen Nicht-Leistungsträgern jenes Bild 3 erzeugen, bei dem die Forderung nach einem Mehr an Gemeinnutzen zu Lasten des sozial begründeten Individualnutzens zum Tragen kommt. Angewandte Sozialpolitik entspricht daher nicht zwangsläufig dem Kollektivwohl.
In seinen radikalen Formen müsste die gesellschaftliche Absolutsetzung des kollektiven wie des individuellen Interesses zum Zusammenbruch der Gesellschaft führen (Bild 5 / 6).

bild5

 

bild6
Eine Gesellschaft, die den individuellen Nutzen absolut setzt ( wie es beispielsweise Bakunin mit der libertären Anarchie unter der utopischen Prämisse absoluter menschlicher Vernunft tut oder in der Präsidentschaft von Barack Obama von extremen Vertretern der US-republikanischen „tea-party“-Bewegung eingefordert wurde), verdrängt ebenso wie eine Gesellschaft, die das Kollektiv absolut setzt (beispielhaft, wenn auch noch nicht absolut, seien hier die Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts als Kommunismus/Stalinismus und Nationalsozialismus genannt), den jeweiligen Anspruch des gesellschaftlichen Ausgleichs aus dem gesellschaftlichen Konsens. Im Resultat werden daher beide Gesellschaftsformen nicht überlebensfähig sein. Die Gemeinschaft des absoluten Individualnutzens verliert ihre gemeinsame, kollektive Basis und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Gemeinschaft des absoluten Kollektivnutzens verkümmert in undynamischer Stagnation, da ihr die individuellen Entwicklungsimpulse fehlen. Beide Extremformen der Überbetonung sind in ihrer Konsequenz kollektivvernichtend, weil sie akonsensual gegen die Gemeinschaft gerichtet agieren.
Das Führerstaatsprinzip als gleichsam Perfektion des Individualnutzens ist folgerichtig ohne unterdrückende Gewalt nicht vorstellbar. Es basiert auf der Unterwerfung des Kollektivnutzens unter den Individualnutzen des Führers und muss aus Gründen der Aufrechterhaltung dieses Modells jegliche anderen Individuen ihres Individualnutzens berauben. Das ego des Führers steht außerhalb des und gegen das nos – ein einziges ego dominiert jegliche anderen egoi.

bild2
Die sozial optimale Gesellschaft und damit die langlebigste Gesellschaftsform zeichnete sich demnach als eine aus, in der Kollektivnutzen und Individualnutzen in einem gleichberechtigten, ausgewogenem Gleichgewicht zueinander stehen und weder das eine noch das andere zu den Rändern hin expandiert, sodass in der Mitte Spielraum für Bewegungen in beide Richtung verbleibt. Stellen wir uns die Gesellschaft als Kugel vor, so befindet sich diese dann auf einer sanften Ebene, wenn Kollektiv- und Individualnutzen einander in gleicher Ausprägung gegenüberstehen.
Wollen wir nunmehr in Bezug auf eine menschliche Gesellschaft den Begriff des Gemeinwohls heranziehen, so stünde dieser für eben diesen optimalen Ausgleich von kollektiven und individuellen Interessen: Weder darf das Individualinteresse über die Bedürfnisse des Kollektivs domninieren, noch dürfen die Individualbedürfnisse unter den dominanten Anspruch des Kollektivs gestellt werden. Politische Systeme können daher nur dann längerfristig funktionieren, wenn sie über Mechanismen verfügen, das Diktat des einen wie des anderen zu verhindern. Wie weit dieses auf konkrete Regierungs-/Herrschaftmodelle zutrifft, kann Gegenstand späterer Betrachtung sein.

alle Rechte 1982-2016 Tomas Spahn

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