Zeit des Abschiedsnehmens von begründeten Hoffnungen? – Impressionen zur Türkei

Wohin will die Türkei? Impressionen aus Gesprächen über und mit Türken.

Wann immer ich in der jüngeren Vergangenheit mit fachkundigen politischen Freunden über die Türkei und die Rolle des Islam debattierte, landeten wir recht bald an einem Punkt, zu dem sehr unterschiedliche Positionen aufeinander trafen. Meistens hielt ich meinen Freunden irgendwann vor, dass ihre Hoffnungen auf einen europäischen Islam und eine Türkei in der EU ausschließlich auf ihren Kontakten zu westlich gebildeten Intellektuellenkreisen beruhten – und sie dabei die „Straße“ – stellvertretend für die breite Masse des einfachen Volkes – ausblendeten. Euro-Islam aber – so meine Auffassung – sei ebenso wie EU-Türkei nicht nur mit den Intellektuellen zu machen. Die einfachen Menschen gehörten zwangsläufig dazu – und sie bilden, man mag das bedauern, immer die Mehrheit jener, mit denen man am Ende solcher Prozesse maßgeblich zu tun haben wird.

„Die haben ja alle ein Rad ab!“

Nun erreichte mich von einer guten Freundin, die, von den vorhersehbaren Entwicklungen in der Türkei zutiefst überrascht, ihr gesamtes politisches Leben der Integration von Muslimen in die deutsche Mehrheitsgesellschaft und der Annäherung der Türkei an die EU gewidmet hatte, folgende Nachricht: „Im Moment ist die Zeit des Abschiedsnehmens von begründeten Hoffnungen. Die haben ja alle ein Rad ab!‘
Zugegeben – auch das ist noch nicht der absolute Abschied von über Jahrzehnte gehegten Illusionen, denn es erklärt nach wie vor nicht, wie und wodurch jene „Hoffnungen“ begründet waren, noch ob es tatsächlich nur diejenigen sind, die „ein Rad ab haben“, die nun den Systemumbau in der Türkei organisieren. Aber das will mir durchaus nachvollziehbar erscheinen. Denn selbstverständlich ist es mehr als schwer, sich von liebgewonnenen Wunschvorstellungen zu verabschieden – und noch schwerer wird die Einsicht sein, dass diese Wünsche bis auf eine langes „Weiteres“ nicht einmal mehr solches sein werden und vielleicht niemals wirklich realistisch waren.

Auf Volkes Stimme hören

Da ich nun die Auffassung vertrete, dass es neben dem Gespräch mit dem Intellektuellen deutlich entscheidender Ist, auch den „einfachen Mann“ zu hören – gute Tips zu spannenden Geschichten waren schon zu Boulevard-Zeiten leichter vom Pförtner als vom offiziellen Pressesprecher zu erlangen – nutzte ich das zufällige Treffen mit einem mir gut bekannten Türken beim Einkauf, um einen kleinen Einblick in das dortige Seelenleben zu erlangen.
Er hatte sich schon vor einiger Zeit als Anhänger Erdogans geoutet, und so fragte ich ihn unverfänglich, ob er denn auch nach Köln fahre. Unverständnis. Also erläuterte ich: „Zu der Erdogan-Demo“. Die Antwort: „Nein – die Anfahrt ist mir zu lang.“ Aha – also kein purer Fanatismus – immer noch eine Güterabwägung. Dann allerdings wurde nachgelegt: „Aber die Demo ist richtig!“
Ich erlaubte mir den Hinweis, dass die Türken sich damit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft vermutlich nicht gerade beliebt machen werden. Es sei doch wohl zweckmäßiger, wenn die Türken ihre Probleme in der Türkei ausfechten. „Nein, das geht die Deutschen ganz viel an“, widersprach er – und er wolle mir später einmal erläutern, warum.
Na gut, also später. Dann vielleicht ein Themenwechsel? So warf ich, da ich mich bereits früher als Nicht-Erdogan-Fan offenbart hatte, die Frage ein, was denn eigentlich an diesem Gülen so verwerflich sei. Mir sei nicht ganz klar, was Gülen und seine Leute alles gegen die Türkei getan hätten, sodass man mittlerweile 60.000 Anhänger dieser Bewegung (die aktuelle Zahl hatte ich gerade nicht präsent) entlassen oder verhaftet habe.
Damit hatte ich nun einen Punkt getroffen. Als erstes wurde mir erklärt, dass Gülen ein „Intellektueller aus reichem Hause“ sei. Allein deshalb sei er schon suspekt. Nun ja – laut offiziellem Lebenslauf ist Fetullah Gülen der Sohn eines unbedeutenden Imam, der seine Grundschulausbildung abbrechen musste. Aber vermutlich war auch mehr der aktuelle Wohlstandsindex des 1959 mit Predigerlizenz versehenen Herrn aus der Osttürkei gemeint.
Spannender war da schon die Reaktion auf die „60.000“. Das sei überhaupt erst der Anfang – und das müssten und würden noch viel mehr werden. Das seien alles Kriminelle, die den Staat unterwandert hätten – alle, die Gülen folgten, seien das. Er selbst kenne sogar einen persönlich! Der habe gerade erst sein in der Türkei verdientes Geld in die USA überwiesen!
Meine Rückfrage, was daran verwerflich sei, wenn jemand sein Geld in die USA oder anderswohin überweise, wurde mit dem Hinweis gekontert, dass diese Gelder sämtlichst aus Korruption erwirtschaftet seien. Es folgte ein von mir nicht verifizierbares Beispiel: Die Gülen-Bewegung hätte beispielsweise einen Flughafen gekauft. Damit hätten sie viel Geld gemacht – und das alles in die USA gebracht. Das sei absolut untürkisch und deshalb gegen die Türkei gerichtet.
Als ich meine Frage hinsichtlich der Unrechtmäßigkeit eines solchen Verhaltens der Gewinnabschöpfung wiederholen wollte, kam ich gar nicht erst dazu. Denn sofort ging die Litanei weiter. Gülen habe das nicht nur in der Türkei so gemacht. Auch Ägypten und Saudi-Arabien habe er schon unterwandert. Das seien nur zwei weitere Beispiele. Er habe überall auf der ganzen Welt seine Finger drin. Außerdem – und nun wurde es richtig verschwörungstheoretisch – sei er ein CIA-Mann!

Gülen und die CIA

Aha. Woher man das denn wisse, wollte ich nun erfahren. „Das sieht doch jeder: Er ist in die USA gegangen! Warum wohl?“
Nun, meinte ich – vielleicht hänge das damit zusammen, dass die USA sehr liberale Religionsgesetze haben und Gülen sich dort vor ungerechtfertigter Verfolgung halbwegs sicher fühle. Zumindest werde er von dort nicht ohne stichhaltige Beweise ausgeliefert.
Doch auch das wurde gleich vom Tisch gefegt. Er sei eben von der CIA! Die Türkei habe die Beweise für seine Schuld längst überstellt und wenn die USA ihn nun nicht ausliefern, dann sei das der abschließende Beweis dafür, dass er ein CIA-Mann sei.

Der amerikanische Schandvertrag

Dieser Logik folgend wollte ich nun gern wissen, warum denn die CIA einen Gülen in der Türkei platziert hätte – selbstverständlich vorausgesetzt, er sei ein CIA-Mann. Und da brach es sturzbachmäßig aus ihm heraus. Die USA hätten damals, vor hundert Jahren, gegen die Türkei einen Vertrag geschlossen. „Einen Vertrag, in dem die Türkei, die den Krieg auf dem Schlachtfeld gewonnen hatte, diesen nun am Verhandlungstisch verloren hat.“
Mein Hinweis darauf, dass die Türkei damals den Ersten Weltkrieg ebenso verloren hatte wie wir Deutschen, ließ er nicht gelten. „Wir haben immer gewonnen! Am Bosporus, gegen die Griechen – immer!“ Okay – Gallipoli gehört zur türkischen Nationallegende – auch wenn der dortige Sieg über die von Churchill verheizten Australier maßgeblich durch die militärische Führung durch Otto Liman von Sanders verantwortet wurde. Die Niederlagen gegen die Russen an der Kaukasus-Front – nichts als Propaganda. Lediglich die Niederlagen an der Palästinafront räumte mein Gesprächspartner ein. „Da ging es ja nicht um die Türkei!“ Stimmt – das gehörte damals nur zum Osmanischen Reich.
Und schon war er wieder bei dem Schandvertrag. „Geht es um den Vertrag von Sevres?“ wollte ich wissen. Denn der war tatsächlich ziemlich negativ für den Fortbestand einer unabhängigen Türkei gewesen. Kurze Denkpause. „Sevres? Nein, kenne ich nicht. Ein anderer. Irgendwas mit Lausanne.“
Also der Vertrag von Lausanne? „Richtig. Da haben die USA die Türkei für die nächsten hundert Jahre geknebelt. So wie damals Hongkong und China. Der Vertrag läuft 2023 aus – und dann werden die USA schon sehen!“

Die Schuld des Vertragspartners, der keiner war

Mein Hinweis darauf, dass es bei Hongkong letztlich um einen Pachtvertrag gegangen war, blieb ungehört. Dafür erfuhr ich nun, was die USA damals der armen Türkei alles angetan hätten.
„Die haben uns unseren Sieg gegen die Griechen geraubt! Und unser Land!“
– Das ist sicherlich Ansichtssache. Tatsächlich wurden die Grenzen zwischen Griechenland und der Türkei damals genau definiert. Dabei gingen die meisten der Türkei vorgelagerten Inseln in der Ägäis, soweit diese damals nicht von Italien übernommen wurden (welches sie dann später an Griechenland verlor), an die Hellenen.
„Die haben uns 1923 für 100 Jahre ihre Militärstützpunkte aufgezwungen! Damit ist 2023 endgültig Schluss!“
– Komisch, waren doch die USA weder 1923 bei den Verhandlungen dabei noch haben sie den Vertrag von Lausanne unterschrieben. Auch ist von derartigen Abtretungen im Vertragswerk nichts zu finden. Die Nutzung von Incirlik basiert auf einer Vereinbarung von 1943. Das Airfield wurde 1954 in einer gemeinsamen Anstrengung von Türken und Amerikanern auf Grundstücken fertiggestellt, die 1915 von Armeniern enteignet worden waren. Da schien mir doch einiges durcheinander zu gehen.
„Der Türkei wurde verboten, irgend etwas in der Schwerindustrie herzustellen! Deshalb waren wir niemals in der Lage, am Weltmarkt gleichberechtigt teilzuhaben!“
– Da war ich nun tatsächlich abschließend überfordert. Bekannt war mir solches bislang nicht. In den Verträgen von Lausanne ist dazu auch nichts zu finden. Und das spätere Googeln der Stichworte „Türkei, Beschränkungen, Schwerindustrie“ brachte ebenfalls – nichts. Selbst wenn da tatsächlich mal etwas gewesen sein sollte – spätestens mit dem Kriegseintritt der Türkei auf Seiten der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und der NATO-Mitgliedschaft wäre das hinfällig gewesen. Auch werden in der Türkei seit Jahren Kraftfahrzeuge und Unterhaltungselektronik produziert. Was – zugegeben – nicht unbedingt unter „Schwerindustrie“ im Sinne von Bergbau und Verhüttung fällt. Aber vermutlich meinte mein Gesprächspartner eher den Bau schwerer Waffen – denn diese bezieht die Türkei seit eh aus dem befreundeten Ausland und er hatte sich schon früher einmal darüber beklagt, dass es keine türkische Waffenindustrie gäbe.

Nicht Gülen – die USA sind schuld

Fazit: Schuld an allem in der Türkei sind die USA. Nicht die Gülenisten sind der eigentliche Feind – die bösen Amerikaner sind es. „Und damit ist spätestens 2023 Schluss! Dann müssen die USA Incirlik wieder rausgeben und aus der Türkei verschwinden! Und die Ausländer, die mit uns Geld verdienen und uns das stehlen, müssen dann auch verschwinden! Dann werden wir selbst zu einer Großmacht wie früher! Ohne Verräter in den eigenen Reihen und ohne die USA! Ihr werdet sehen!“

Ein herzensguter Mensch

Sagte ich schon, dass mein türkischer Bekannter ein herzensguter Mensch ist? Jemand, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann? Jemand, der todtraurig war, als sein Hauskaninchen, welches sich unsere Gärten als Privatrevier auserkoren hatte, eines Tages spurlos verschwunden war? Jemand, der seine Kinder liebt und sich von seiner Tochter auf der Nase rumtanzen lässt? Jemand der immer fleissig zur Arbeit geht und dort ohne Murren seinen Schichtdienst ableistet? Falls nicht – es ist so. Zumindest soweit, wie ich ihn kenne.
Umso erschreckender ist es, wie das Erdogansche Gift mit seiner trüben Brühe aus verdrehten Fakten und Unwahrheiten sein Denken übernommen hat. Und wie er jeden Hinweis auf Tatsachen vom Tisch fegt, nichts hinterfragt: „In Deutschland müsstet Ihr mal die Wahrheit erfahren! Hier im Fernsehen wird nur gelogen! Hier werden nur Unwahrheiten über die Türkei verbreitet!“
Okay, dachte ich. Das kommt mir jetzt irgendwie bekannt vor. Auch wenn der Begriff „Lügenpresse“ nicht explizit fiel – vermutlich, weil er in türkisch-sprachigen Medien noch nicht angekommen ist. Pegida muss hier wohl noch etwas Nachhilfe geben.
Da ich nun für den Moment erst einmal genug gehört hatte und meine Argumente ohnehin nicht akzeptiert wurden, brach ich das Gespräch mit Hinweis auf andere Verpflichtungen ab. Außerdem drohte das Speiseeis, das er sich gekauft hatte, zu schmelzen. Dafür wollte ich nun nicht verantwortlich sein.
Auch hatte ich jetzt eine grobe Vorstellung davon, was die türkischen Mitbürger treibt, wenn sie voller Enthusiasmus nach Köln reisen und dort für ihren Helden demonstrieren. Und von einer Großtürkei träumen, die vermutlich vom persisch-arabischen Golf bis an die Nordsee reichen wird. Zumindest hat diese Unterhaltung meine Auffassung unterstrichen, dass es wenig Sinn macht, sich ausschließlich mit den Intellektuellen eines Volkes zu unterhalten. Im Kopf – oder ist es eher der Bauch? – des einfachen Volkes sieht es ganz anders aus. Und dieser Bauch des Volkes ist deutlich umfangreicher als der Kopf der intellektuellen Eliten, denen neben den USA jegliche Schuld daran angelastet wird, dass die Türkei die USA noch nicht an Wirtschaftskraft überholt haben.

Viel Stoff für weitere Gespräche

Gespannt bleibe ich nun auf unser nächstes Treffen. Auf die Live-Berichterstattung aus Köln werde ich leider verzichten müssen. Aber ich bin fest davon überzeugt: Für die wirklichen Heldentaten des Erdogan und die weltbeherrschende Zukunft der Türkei ist noch viel Gesprächsstoff übriggeblieben. Außerdem hat mir mein freundschaftlich verbundener Bekannter noch nicht erzählt, wieso wir Deutschen davon maßgeblich betroffen sind. Vielleicht, weil wir auch ein Teil des neutürkischen Weltreichs sein werden? Ich bin gespannt – aber das wollte er mir ja auch erst später erläutern.
So bleibt noch viel Raum, sich spannende Thesen anzuhören, die mich als historisch Interessierten dann leider doch an etwas erinnern, was ich überwunden geglaubt hatte. Und was viel mit Minderwertigkeitskomplexen, mangelhafter Bildung und einem gerüttelt Maß an Selbstüberschätzung zu tun hat.
Aber vermutlich ist es tatsächlich so: Menschen werden nur aus eigenen Erfahrungen klug – vor allem dann, wenn sie sich auf die vorgeblichen Erfahrungen und Erzählungen anderer, „großer“ Männer verlassen.

 

© 20160629 Spahn

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