Von der Mutter aller Schlachten zum Großislamischen Reich

Mit der „Mutter aller Schlachten“ drohte der damalige irakische Diktator Saddam Hussein 1990 den Vereinigten Staaten von Amerika, als diese gemeinsam mit ihren Verbündeten ansetzten, die irakische Annexion des ölreichen Kuwait militärisch zu beenden. Eine wahre „Mutter aller Schlachten“ könnte nun im Norden des Irak bevorstehen, denn um die im Juni 2014 vom Islamischen Staat besetzte Kurdenstadt Mosul, dem antiken Ninive, schließt sich derzeit der Ring jener Koalition, die scheinbar entschlossen ist, dem Terror der Islamfundamentalisten eine Ende zu bereiten. Doch der Konflikt könnte eskalieren.

Der Ring um die vom Islamischen Staat gehaltene, irakische Großstadt schließt sich. Eine große Koalition unterschiedlichster Gruppen setzt an, die kurdische Stadt zu befreien. Doch die angeblichen Koalitionäre sind untereinander uneins sowohl in Strategie als auch in ihren politischen Zielen. So könnte die bevorstehende Schlacht tatsächlich eine Mutter vieler Schlachten werden, die ihr folgen könnten – und die, geht es nach einigen der Akteure, das politische Gesicht des Nahen Osten nachhaltig verändern soll.

Von der Antike ins Osmanische Reich

Mosul/Musil, jene Stadt am oberen Tigris, die dort liegt wo sich bis zum Ende des siebten vorchristlichen Jahrhunderts Ninive, das Verwaltungszentrum des Assyrischen Reichs, befand, hat eine lebhafte Geschichte. Mit der Eroberung Ninives durch die medisch-babylonisch-judäische Allianz wurde sie erst babylonisch, später medisch, dann persisch. Der mazedonische Invasor Alexander eroberte sie um 330 vc – seine seleukidischen Nachfolger verloren sie 129 vc an die Parther. Um 220 nc putschte Ardashir die Parther vom Thron – sein Sassanidenreich sollte die Stadt am Tigris zu neuer Blüte bringen, bis 627 nc mit der Schlacht bei Ninive das christlich-römische Byzanz über die Sassaniden siegte und beide Großreiche, durch ihren Dauerkrieg zerschlissen, zum Opfer der aus Zentralarabien anstürmenden Imperialisten des Mohamed wurden. Nach der Zerstörung durch den Mongolensturm im 13. Jahrhundert blieb die Stadt nach ihrem Wiederaufbau ein regionales Zentrum und wurde unter den Osmanen, die die Stadt 1535 eroberten, Verwaltungszentrum des Vilayets Mosul.
Dieser osmanische Verwaltungsbezirk umfasste neben Mosul die kurdischen Metropolen Kirkuk/Kerkuk, Erbil/Hewler sowie Sulaimaniya/Silemani und wurde erst mit dem Vertrag von Lausanne 1923 der damaligen Siegermacht Großbritannien zugesprochen. Die junge Türkei hatte bis zuletzt die Hoheit über Mosul und Sulaymania beansprucht – sich gegen die Siegermächte jedoch nicht durchsetzen können.

Eine kurdisch-multiethnische Stadt

Damals, in den frühen Zwanzigerjahren des Zwanzigsten Jahrhunderts, gingen die Zahlen über die Bevölkerungszusammensetzung von Stadt und Vilayet deutlich auseinander. Der türkische Unterhändler Inönü präsentierte für das Vilayet eine kurdische Bevölkerung von rund 260.000 und eine türkische von rund 146.000. Weiterhin sah er 43.000 Araber, 18.000 Juden und 31.000 andere, nicht-muslimische Einwohner wie Christen und Jeziden. Aus dem türkischen Herrschaftsanspruch über die Kurden heraus beanspruchte er damit das Gebiet für sich.
Englands Verhandlungsführer Curzon ging von 428.000 Kurden, 186.000 Arabern, 103.000 aramäischen Christen, Juden und Jeziden sowie nur 66.000 Türken aus. Die irakische Regierung meinte gar, dort 720.000 Kurden und 100.000 Christen, Juden und Jeziden sowie 167.000 Arabern gezählt zu haben, denen lediglich knapp 39.000 Türken gegenüber standen.
Über tatsächlich korrekte Zahlen verfügte keine der Seiten – und so liegt es auf der Hand, dass jede Partei diese in ihrem Sinne manipulierte. Am nächsten an der Realität dürften die britischen Zahlen gelegen haben – entscheidend allerdings ist, dass selbst die Türken seinerzeit von einer kurdischen Bevölkerungsmehrheit ausgingen, woraus nun wiederum die Kurden bis heute ihre Ansprüche herleiten.

Das Vilayet wird irakisch

In den Lausanne-Verhandlungen setzten sich am Ende die europäischen Mächte der Entente cordiale durch: Die türkische Armee räumte Mosul und das Vilayet, Großbritannien übernahm die Region und gliederte sie ihrem aus den ehemals osmanischen Provinzen Basra und Bagdad bestehenden Kunstobjekt Irak als nördliche Provinz an.
In der klassischen Politik der europäischen Großmächte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielten bei dieser Staatengründung ethnische und religiöse Prägungen keine Rolle. So wurde aus dem Irak ein Staat, in dem eine schiitische Mehrheit gemeinsam mit arabischen Sunniten und Kurden eine Gemeinschaft bilden sollte. Als Nationalstaat war dieses Projekt angesichts weit in die Vergangenheit reichender, gegenseitiger Animositäten von vornherein eine Totgeburt.
Während der zweiten heißen Phase des 75-jährigen Krieges der Europäer kam es am 1. April 1941 im Irak zur gewaltsamen Machtübernahme durch pro-deutsche Kräfte, die sich jedoch trotz Unterstützung aus dem Reich gegen die nun folgende britische Intervention nur bis Oktober des Jahres behaupten konnte. Der Irak blieb in den Folgejahren faktisch britisch besetztes Gebiet. 1953 reanimierte London unter dem minderjährigen Faisal 2 seine in den Zwanzigerjahren entwickelte Idee eines hashemitischen Königreichs.

Vom britischen Mandat zur Baath-Diktatur

Im Februar 1958 unternahm das Vereinigte Königreich einen letzten Versuch, seinen führenden Einfluss in seinen früheren Mandatsgebieten aufrecht zu erhalten. Die beiden von den Nachkommen des hashemitischen Sherifen von Mekka regierten Königreiche Jordanien und Irak verkündeten die Gründung einer „Arabischen Föderation“, die allerdings niemals existieren sollte. Sogenannte „Freie Offiziere“ unter Abdel Karim Qasim putschten im Irak gegen die Monarchie, ermordeten am 14. Juli 1958 den damals gerade 23 Jahre alten Faisal 2 und erklärten tags darauf die Föderation für aufgelöst. Der Irak hatte sich per Staatsstreich von Großbritannien emanzipiert. Die frühere, durch den Krieg gegen Deutschland ausgezehrte Kolonialmacht war nicht mehr in der Lage, seine imperialen Interessen zu verteidigen.
1963 putschte sich die von europäisch-sozialistischem Gedankengut geprägte Baath-Partei an die Macht und konnte diese Stellung trotz mehrerer interner Palastrevolten erfolgreich ausbauen. In dieser Zeit traten die ethnischen und religiösen Konflikte immer deutlicher zutage. Die Unterstützung der seit eh zum Separatismus neigenden, überwiegend sunnitischen Kurden durch den schiitischen Iran führte sowohl zu langjährigen Kämpfen im Norden des Kunststaats wie zur Unterdrückung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit durch die sunnitisch geprägte Baath.

Der irakische Krieg gegen den Iran

Mit der Machtübernahme durch Saddam Hussein wurden die inneren Kämpfe gegen links der säkular-sozialistischen Baath Partei stehende Intellektuelle und gegen parteiinterne Konkurrenten ebenso verschärft wie gegen Kurden und Schiiten. Dann überfiel der Irak am 22. September 1980 den Nachbarn Iran. Nach ersten Siegen folgte ein Zermürbungskrieg mit wechselseitigen Erfolgen und Misserfolgen.
Dieser sogenannte Erste Golfkrieg hatte seine Ursache letztlich in nach-kolonialen Grenzziehungen – wobei hier die Türkei ebenfalls als Kolonialmacht verstanden werden muss. Sie hatte 1638 die damals persischen Provinzen um Basra am Shatt-alArab , dem gemeinsamen Strom von Euphrat und Tigris, annektiert – was faktisch von Persien niemals anerkannt wurde.
Saddam Hussein erweiterte nun seine Gebietsansprüche im von Schiiten besiedelten Süden und forderte die von ihm Arabistan, von den Persern Chusistan genannte Westprovinz des Iran als irakische Provinz. Tatächlich standen hinter der Gebietsforderung auf das in der Antike als Elam bekannte Land ähnlich wie beim späteren Kuwait-Abenteuer des Irak wirtschaftliche Interessen. Einerseits beanspruchte der Irak die uneingeschränkte Hoheit über den Schatt als gegenwärtigem Grenzfluss – mehr aber noch lockte das Öl Chusistans. Am Ende dieses Krieges, in dem der Irak zu Chemiewaffen griff und der Iran der Ajatollahs mit „Paradiesschlüsseln“ aus taiwanesischer Massenproduktion versehene Kinder als menschliche Minensucher verheizte, musste der Irak auf seine Kriegsziele verzichten – die Klerikalfaschisten in Teheran hatten hingegen ihre Anfangs schwache Stellung nach Innen wie nach Außen manifestieren können. Die Zahlen der Opfer dieses Krieges am Golf schwanken zwischen 100.000 und 300.000 auf irakischer und 260.000 bis 500.000 auf iranischer Seite.
Nach dem Ende des Krieges verlagerte Hussein seine Vernichtungsfeldzüge erneut gegen die eigene Bevölkerung. Bei Kämpfen gegen die auf iranischer Seite kämpfenden Kurden sollen bis zu 180.000 Menschen ermordet worden sein. Infolge eines Aufstands der Schiiten im Zuge des Zweiten Golfkriegs der US-Allianz um das zwischenzeitlich vom Irak besetzte Kuwait wurden 1991 nach Schätzungen bis zu 300.000 irakische Schiiten ermordet. Um die Kurden im Norden dauerhaft zu disziplinieren, forcierte Hussein gleichzeitig die massive Ansiedlung sunnitischer Araber in der Kurdenmetropole Mosul.

Der Aufmarsch der Anti-IS-Kämpfer

Die Gemengelage unterschiedlichster Interessen und Ansprüche prägt auch heute die Situation der Stadt, wenn in den kommenden Tagen die Attacke auf Mosul beginnen sollte.
Die kurdischen Peshmerga der heute Autonomen Region Kurdistan um das nordirakische Erbil werden sich an den Kämpfen aus dem Osten beteiligen. Im Nordwesten steht ungebeten die reguläre türkische Armee – angeblich um die kurdischen Peshmerga auszubilden. Tatsächlich jedoch hat sie, wie Erdogan jüngst im sa‘udischen Fernsehen unterstrich, einen klaren Kampfauftrag, den sie im Zweifel auch ohne Kooperation mit den irakischen Einheiten ausführen wird. An der Seite der Türkei befinden sich sunnitische Milizen, deren genaue Herkunft und Zusammensetzung jedoch im Dunkeln liegt. Gut vorstellbar, dass es sich hierbei um Islamfundamentalisten handelt, die auch in Syrien an der Seite der Türkei kämpfen.
Die Truppen des Irak haben sich in mühsamen Auseinandersetzungen bis auf derzeit rund 50 Kilometer von Süden an die zweitgrößte Stadt des Landes herangekämpft. Der Irak selbst lehnt jede Zusammenarbeit mit den Türken ab. Sein Ministerpräsident fordert seit Dezember vergangenen Jahres den Rückzug der Türkei aus irakischem Hoheitsgebiet: „Die Türken haben weder die Erlaubnis, sich im Irak aufzuhalten, noch sind sie erwünscht“, stellt er fest. Der US-Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte gegen den Islamischen Staat unterstreicht – trotz gemeinsamer NATO-Mitgliedschaft – die Position des Irak: „Die Türkischen Einheiten sind kein strategischer Bestandteil der alliierten Streitkräfte“ – heißt: Die Eroberung Mosuls soll ohne den türkischen NATO-Partner stattfinden.

Konfliktpotential mit der Türkei

Während der Irak der Türkei mittlerweile offen mit einem direkten Krieg droht, sollte sie tatsächlich ihre Einheiten nicht nur nicht zurückziehen, sondern in den Kampf um Mosul eingreifen, gibt sich Erdogan unbeeindruckt. Er hat mittlerweile den 19. Oktober als den Tag des Beginns der Offensive ausgegeben. Allein das schon ist strategisch kaum nachvollziehbar – denn damit können sich die in Mosul stehenden Kräfte des Islamischen Staats optimal auf die bevorstehenden Kämpfe vorbereiten. Mit einem Überraschungsangriff wäre es somit vorbei. Das wiederum ist ein Schlag ins Gesicht der Irakischen Allianz – denn es setzt sie unter Zugzwang und könnte ihr das Heft des Handelns aus der Hand nehmen und somit den Erfolg der Offensive in Frage stellen.
Was also hat Erdogan tatsächlich bewogen, hier wie im Norden Syriens einen Alleingang gegen die Interessen selbst des NATO-Verbündeten USA zu wagen?

Erdogans Signale an die sunnitische Welt

Parallel zu der Ankündigung seiner Offensive gegen Mosul hat der Türke mehrere Signale ausgesandt. Zum einen beteuert er, keine imperialistischen Ziele der territorialen Erweiterung zu haben. Gleichzeitig aber stellt er hinsichtlich der griechischen Inseln in der Ägäis die Ergebnisse der Lausanne-Verträge in Frage – und damit diese Vereinbarung zur Neuordnung der Region nach dem Ersten Weltkrieg insgesamt.
In Erdogan-nahen, türkischen Medien wurden dieser Tage durch nationaltürkische „Wissenschaftler“ Artikel veröffentlicht, die eine Großtürkei sowohl mit der türkischen Küste vorgelagerten Ägäis-Inseln und dem Norden Griechenlands sowie dem heutigen Armenien als auch jenem Vilayet Mosul einschließlich der autonomen Region Kurdistan als „historischen Anspruch“ der Türkei definieren.
Erdogan selbst stellte in einem Interview mit einen sa’udischen TV-Sender kategorisch fest, dass in einem befreiten Mosul nur noch „sunnitische Araber, Kurden und Türken“ leben dürften. Das wiederum ist ein unverhohlener Affront sowohl gegen die Jeziden wie gegen christliche Aramäer und Chaldäer. Denn das spätantike und mittelalterliche Mosul war trotz der Herrschaft von Sassaniden und Muslimen eine christlich geprägte Stadt mit Bischofssitz und beherbergte bis zum 2. Februar 2015 die von den Islamfundamentalisten zerstörte, älteste chaldäisch-katholische Kirche Mesopotamiens. Allerdings waren die Christen seit Langem ständigen Repressionen ausgeliefert, weshalb sich ihre Zahl zuletzt auf rund 35.000 verringert hatte. Mit dem Einmarsch des Islamischen Staats sollen nun auch die letzten überlebenden Christen die Stadt verlassen haben – sie vegetieren derzeit überwiegend in Lagern nahe der kurdischen Stadt Erbil.

Erdogans Signal an den IS

Wenn Erdogan nun ein religiös-reines, sunnitisches Mosul fordert – und sich dabei gleichzeitig als Schutzmacht der Turkmenen betrachtet, deren Existenz er durch einen – wörtlich – „Genozid“ seitens der schiitischen Iraker und Kurden gefährdet sieht, dann ist das faktisch ein klares Signal an seine de-facto-Verbündeten vom Islamischen Staat. Denn damit definiert er dessen Ziele als seine eigenen, als Interessen der Türkei.
Plötzlich macht dann auch die Bekanntgabe eines Angriffsdatums Sinn. Bis zum 19. Oktober haben die IS-Kämpfer nun Zeit, sich klammheimlich abzusetzen und in neuen Uniformen in die sunnitischen Milizen der Türkei einzugliedern. Wenn diese dann gemeinsam mit den Türken ihre Offensive starten, könnten sie große Teile der Stadt kampflos übernehmen, bevor die irakische Allianz oder die kurdischen Peshmerga dort sind. Erdogan hätte mit Hilfe seiner sunnitischen Verbündeten Fakten geschaffen – Mosul wäre eine von Türkei-nahen Sunniten gehaltene und verwaltete Stadt.
Die Kriegsdrohung des Irak gegen die Türkei macht insofern doppelt Sinn – denn die Stadt, die die ölreiche Provinz beherrscht, ist für die schiitische Regierung in Bagdad von fundamentaler Bedeutung.

Die kurdische Karte

Gleichzeitig aber liegt auch immer noch die kurdische Karte auf dem Tisch. Erdogan hat bereits angekündigt, dass er eine Teilnahme der PKK und deren syrischer YPG-Verbündeten an der Befreiung Mosuls keinesfalls dulden werde. Doch diese sind längst Bestandteil der Anti-IS-Koalition – und bislang die erfolgreichsten Kämpfer gegen den IS im Nordirak und gegen die islamfundamentalistischen Verbündeten der Türken in Nordsyrien. Die Freien Kurden, in deren Reihen auch jene von Erdogan als künftige Bürger Mosuls ausgeschlossenen Jeziden und Christen kämpfen, werden sich jedoch durch türkische Drohungen nicht davon abhalten lassen, ihren Teil zur Befreiung ihrer Stadt beizutragen.
Den kurdischen Peshmerga-Kämpfern um Masud Barzani schwant seit jenem Interview des Türken vom 2. Oktober, dass sie möglicherweise auf das falsche Pferd gesetzt haben. Bislang kooperierten sie mit der Türkei – vor allem wirtschaftlich hatten sich zwischen der Autonomen Region im Irak und der Türkei zum Leidwesen der Freien Kurden enge Beziehungen entwickelt. Wenn nun aber in von Erdogan gesteuerten Medien Landkarten auftauchen, in denen das Vilayet Mosul als integraler Bestandteil einer künftigen Großtürkei gezeigt wird, dann bedeutet dieses, dass die Unabhängigkeit der Barzani-Kurden in Erdogans Großmachtphantasien auch nur eine vorübergehende Größe ist.

Erdogan und seine SITA

Für den türkischen Präsidialdiktator geht es um weit mehr als nur um das Vilayet Mosul. In seinem Interview mit dem sa’udischen Sender ließ er durchblicken, wohin seine Reise gehen soll – und wo seine tatsächlichen Ziele liegen. Er sprach mit gewohnter Deutlichkeit davon, dass „der Westen“ – also die USA und ihre europäischen Verbündeten, gezielt gegen die islamischen Staaten vorgingen. Wörtlich nannte er dabei die derzeit mit den USA verbündeten Länder Türkei, Sa’udi-Arabien und Pakistan.
Tatsächlich befindet sich das Verhältnis der westlichen Führungsmacht zu diesen fragwürdigen Verbündeten angesichts des außenpolitischen Versagens der Obama-Administration in einer tiefen Krise. Erdogans Türkei macht „den Westen“ mitverantwortlich für den der Gülen-Bewegung angelasteten, vorgeblichen Putschversuch. Die amerikanischen Abgeordneten setzten gegen den Willen ihres Präsidenten durch, dass gegen Sa’udi-Arabien gerichtliche Verfahren wegen der Anschläge von 9/11 eingeleitet werden können. Der pakistanische Geheimdienst gilt in den USA ohnehin seit Jahren als heimlicher Unterstützer der fundamental-islamischen Milizen und Terroristen nicht nur in Afghanistan.
Erdogan versucht die weltpolitische Schwäche der USA zu nutzen. Er strebt ein sunnitisch-islamisches Militärbündnis an, welches wir der Einfachheit halber in Anlehnung an die NATO als SITA (Sunnite Islamic Treaty Alliance) abkürzen. Für diese SITA versucht Erdogan derzeit, mit den ebenfalls wahabistischen Sa’ud und den nicht minder fundamentalistischen Pakistani zwei militärisch hochgerüstete Partner als Gründungsmitglieder zu gewinnen. Sollte er erfolgreich sein, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Länder wie Afghanistan und die Golf-Emirate ebenfalls dazu gehören werden. Nicht dabei sein wird bis auf weiteres Ägypten. Dieses aus Sicht Erdogans von einem „Putschisten-General“ geführte Land am Nil ist derzeit Zielschiebe geballten türkischen Hasses. Erst wenn „der demokratisch gewählte Präsident Mursi aus der Haft entlassen ist“, könne man vielleicht über eine Normalisierung der Beziehungen nachdenken, befindet der Türke. Vermutlich allerdings würde er dann umgehend auch noch die Wiedereinsetzung seines Muslimbruders fordern – weshalb Ägypten so oder so bis auf weiteres nicht zu den Freunden der Türkei gehören wird.

SITA statt NATO

Eine SITA nach dem Modell, wie es Erdogan vorschwebt, würde umgehend die türkische Mitgliedschaft in der NATO ersetzen. Widerstände aus der eigenen, ursprünglich eng mit der NATO vernetzten Armee hat er nicht mehr zu fürchten. Was an pro-westlichen, kemalistischen Offizieren bis 2016 noch nicht pensioniert oder inhaftiert war, wurde in Folge des angeblichen Putsches ebenso beseitigt wie Anhänger der Gülen-Bewegung. In „F.P.1 antwortet nicht“ (http://www.tichyseinblick.de/kolumnen/spahns-spitzwege/f-p-1-antwortet-nicht-die-tuerkei-und-die-nato/) beschrieb ich bereits die Situation unmittelbar nach Beginn der Erdoganschen Säuberungswelle. Die Situation hat sich seitdem verschärft – in den USA und Europa suchen türkische Diplomaten und Militärs um politisches Asyl nach – alles erscheint ihnen erstrebenswerter als die Rückkehr in die Heimat.

Künftige Frontlinien gegen Kurden und Russen

Mit der SITA hätte Erdogan das Instrument, seine Großmachtpläne aktiv zu befördern. Da für Erdogan das Kappen der Beziehungen zwischen SITA und NATO zwangsläufig ist – es sei denn, die NATO ließe sich von ihm die künftigen Bedingungen der Kooperation diktieren – stehen die Kurden als erste Opfer bereits fest. Ohne die Rückendeckung durch die USA wäre weder das nordsyrische Rojava noch die Autonome Region im Irak überlebensfähig. Die PKK stünde nach ihrer Annäherung an die westliche Großmacht ebenfalls auf verlorenem Posten.
Die syrischen Alawiten des Präsidenten Assad von Russlands Gnaden haben in dem sunnitischen Bündnis ebensowenig eine Existenzberechtigung wie andere, nicht-sunnitische Glaubensgemeinschaften. Assad wird damit auf Gedeih und Verderb auf Russland angewiesen bleiben – wobei Erdogans SITA ohnehin auch gegen Russland zielt. Nicht nur die Anwesenheit dieser neuen Kreuzfahrer in West-Syrien wird Konfrontationen unvermeidbar machen – auch das großtürkische Ziel der Eingemeindung Armeniens, der griechischen Inseln und Mazedoniens sowie die Schutzmachtfunktion über jene bedrängten islamischen Völker des russischen Reichs birgt zumindest langfristig erhebliches Konfliktpotential gegenüber Moskau.

Jordanien auf verlorenem Posten – und Israel?

Problematisch allerdings würde auch die Situation des immer noch prowestlichen Jordaniens, dessen offene Grenzen in Steppe und Wüste weder gegen Syrien noch gegen Arabien erfolgreich zu verteidigen sind. Dessen liberaler König Abdullah 2 wäre quasi im Norden und Süden von der SITA umzingelt und müsste sich entscheiden, als gegängelter Juniorpartner dem Bündnis beizutreten oder sich letztlich davon erdrücken zu lassen. Die Situation des Hashemiten wird insbesondere deshalb höchst problematisch, weil seine behutsamen Demokratisierungsversuche im eigenen Land auf tönernen Füßen stehen. Der liberale jordanische Blogger Naseem Tarawnah beschreibt, dass viele seiner Landsleute in Erdogan einen modernen Saladin erblicken. Rund 72 Prozent der Jordanier befürworteten in einer Umfrage des Jahres 2012 die Einführung des islamischen Sharia-Rechts. Lediglich ein Prozent befand, dass das Recht völlig unabhängig von religiösen Vorgaben bleiben müsse. Das islamische Virus hat insofern auch das jüngst vom deutschen Entwicklungshilfeminister besuchte, kleine Königreich längst infiziert.
Spätestens dann, wenn Jordanien unter türkisch-sa’udische Kontrolle geraten sollte, steht Israel unter unmittelbarer Bedrohung. Sein Ziel, Jerusalem zu „befreien“, hat Erdogan wiederholt öffentlich verkündet. Für den Muslimbruder war das mehr als werbewirksame Wahl-Propaganda. Er meint das ebenso ernst wie er dereinst sein Ziel der Abschaffung der laizistischen Türkei ernst gemeint hat. Zwar verfügt Israel immer noch über die leistungsfähigste Armee in der Region – doch gegen ein koordiniertes Vorgehen von Türken und Sa’ud mit im Zweifel auch nuklearer Rückendeckung aus Pakistan wäre Israel kaum überlebensfähig. Wenn Israel derzeit um ein entspannteres Verhältnis zu seinem neuen russischen Nachbarn im Norden bemüht ist, dann schwingt dabei nach dem Versagen der USA auch die Suche nach möglichen Verbündeten gegen eine geballte sunnitische Front mit.

Hauptfeind Iran

Auf kurze Sicht wäre der Hauptgegner der SITA jedoch der schiitische Iran. Der Ajatollah-Staat, der nach wie vor seinen Anspruch auf die im Spätmittelalter von den Türken annektierten Gebiete im heutigen Irak nicht aufgegeben hat, stünde einem Gegner gegenüber, der – indirekt über Afghanistan und direkt über Belutschistan – seine bislang militärisch vernachlässigte Ostgrenze unmittelbar bedroht. Gleichzeitig lägen im Süden die Arabischen Staaten und im Nordosten die Türken und die von diesen annektierten Kurdengebiete als gegnerische Aufmarschgebiete.
Der Konflikt zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen ist so alt wie der Konflikt zwischen Persern und Türken, Persern und Arabern. Seit eh geht es um die Hegemonie in der Region. Nach dem Untergang des Osmanischen Reichs 1918 und der Unterstützung der Araber auf der Halbinsel durch Briten und US-Amerikaner hatte sich ein Kräftegleichgewicht eingependelt, in dem sich die drei Konkurrenten gegenseitig neutralisierten. Im Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran fand dieses seinen Höhepunkt, indem die Sa’ud mit US-Unterstützung dem Irak halfen, während die USA selbst heimlich den angeblich verfeindeten Iran militärisch aufrüsteten.

Erdogans Sendungsbewusstsein als neuer Mahdi

Mit dem Syrienkrieg, der Zurückhaltung der USA und der Intervention der Russen hat sich die Situation grundlegend geändert. Die fundamental-islamisch, anti-amerikanischen Kräfte unter der Führung Erdogan wittern Morgenluft. Der Misserfolg des Putsches oder – je nach Betrachtungsweise – der Erfolg der Putschinszenierung hat Erdogan das Gefühl der Unüberwindbarkeit gegeben. Er sieht sein persönliches Ziel, als neuer Führer der sunnitisch-islamischen Welt in die Geschichte einzugehen, in greifbare Nähe gerückt. Die Kotau-Politik der Europäischen Union und die Inkonsequenz der mit der aktuellen Situation gänzlich überforderten US-Administration beflügeln ihn in seinem historischen Sendungsbewusstsein.
Wenn Erdogan im Herzen des rückwärtsgewandten, sunnitischen Arabiens verkündet, ein befreites Mosul müsse eine rein sunnitische Stadt werden, dann ist das weit mehr als ein Dokument seines islamischen Führungsanspruchs und mehr als eine fast schon unmittelbare Kriegserklärung gegen die schiitische Führung in Bagdad. Es ist eine unverhohlene Attacke gegen den Iran, der sich immer noch als Schutzmacht der irakischen Schiiten begreift. Und es ist ein Angriff gegen die USA und die westeuropäischen Verbündeten – denn es zielt darauf ab, über ein neues Bündnis der Sunniten deren Herrschaft zwischen Balkan und Indus, Rotem Meer und Kaukasus wie einst unter den Kalifen zu reanimieren und alle europäisch-abendländischen Einflüsse der vergangenen einhundertfünfzig Jahre zu überwinden. Erdogan will in die Fußstapfen jenes Mohamed Ahmed treten, der in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts als Mahdi im Sudan seinen Traum von einer geeinten sunnitischen Weltmacht unter seiner Führung träumte.

Neue Bündnisse?

Diese Entwicklung erklärt zum einen, warum sich Europäer und Amerikaner so schwer tun, die permanenten Menschenrechtsverletzungen im Kernland des Wahabismus konsequent anzuprangern. Und sie könnte gleichzeitig zu völlig neuen Koalitionen führen. Ein sunnitisches Militärbündnis der SITA schüfe nicht nur für Israel und den Iran eine gemeinsame Bedrohung. Auch die USA könnten erkennen, dass ihre globale Politik dadurch irreparablen Schaden nehmen müsste. Die SITA würde es für sie notwendig machen können, nicht nur das Verhältnis zum Iran auf eine völlig neue Grundlage zu stellen – selbst das sich derzeit als unberechenbarer Weltrabauke aufführende Russland könnte in einer langfristigen Strategie der Eindämmung der sunnitischen Renaissance weiter an Gewicht gewinnen und heute kaum vorstellbare Kooperationen zwischen Washington und Moskau unvermeidbar machen.

Noch können Erdogans Träume platzen

Ob es tatsächlich so weit kommen wird, steht allerdings jenseits der Träume Erdogans derzeit noch dahin. In der Vergangenheit scheiterten alle Bündnisversuche zwischen Türken und Arabern ebenso wie zwischen arabisch dominierten Staaten regelmäßig an den unvermeidbaren Widersprüchen und Eifersüchteleien. Doch das Menetekel an der Wand ist nicht mehr zu übersehen. Und so wird die bevorstehende Schlacht um Mosul tatsächlich zur Mutter vieler Schlachten werden können, wenn es Erdogan gelingen sollte, dabei seine persönlichen Ziele an den Noch-Verbündeten vorbei erfolgreich umzusetzen.
Der Westen wäre angesichts dieser Entwicklung gut beraten, endlich eine eigene Strategie für den Nahostraum zu entwickeln. Eine Strategie, in der die Türkei keine Bedeutung mehr haben wird und deren Großmachtträume nicht nur in der Ägäis, sondern auch durch die Beförderung eines vereinten kurdischen Riegels von Sulaimaniya bis an die türkische Provinz Hatay geerdet werden. Erdogan ist derzeit dabei, seine Türkei über zwei Wege in die Süden auszudehnen – er sucht über das IS-beherrschte Raqqa und das ebenfalls noch vom IS gehaltene Mosul den islamisch-ideologischen Anschluss an das Arabien der Sa’ud in der Erwartung eines gemeinsamen, sunnitischen Bündnisses. Sollte er dabei erfolgreich sein, werden nicht nur die kurdischen Selbstbestimmungsbestrebungen in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören – es wird auch eine vollständige Neuordnung der postkolonialen Grenzziehungen und Staatenbildungen in der Region erfolgen.
Der dann kaum noch zu vermeidende Konflikt zwischen dem sunnitischen und dem schiitischen Islam wird ein Pulverfass zum Explodieren bringen, das die gegenwärtige Weltordnung in ihren Grundfesten erschüttern kann. Mosul könnte so nicht nur zur Mutter aller Schlachten gegen den Islamischen Staat der gegenwärtig dort herrschenden Terrorbande werden – es könnte auch der Startschuss eines Großislamischen Reichs der Sunniten unter der Führung Erdogans sein. Spätestens dann aber werden die ewigen Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten neu und mit unberechenbarer Gewalt aufbrechen – und anders als in der Vergangenheit nicht mit Säbeln, sondern mit massenmörderischen Vernichtungswaffen ausgefochten werden.

 

sait_cueruekkaya

Nachtrag

Am 30. Oktober 2016 erlag der kurdische Hamburger Süleyman Sait Cürükkaya im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz seinen schweren Verletzungen. Cürükkaya war Kommandant der irakisch-kurdischen Peschmerga und ein guter Freund.

Beim Kampf um die Stadt Mosul wollte er seine Untergebenen schützen, indem er selbst den Versuch unternahm, eine vom Islamischen Staat gelegte Sprengfalle zu entschärfen. Der Versuch misslang, Cürükkaya erlitt schwerste Verletzungen. In Koblenz konnte nur noch sein Hirntod festgestellt werden.

Wir trauern um einen großen Kämpfer für die Freiheit des kurdischen Volkes in einem demokratischen Staat..

 
©2016 spahn

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