Panik im System

Deutlich wie selten zuvor hat die US-amerikanische Präsidentenwahl den Niedergang der Wissenschaftlichkeit der Aufklärung dokumentiert. Glaubenssätze ersetzten Fakten – Wunschbilder Realität.
Wie das Non-Faktische Deutschlands Kultur zu Grabe trägt, wird anhand der bundesdeutschen Wirklichkeit im Vorfeld und im Nachklapp der Wahl aufgezeigt. Das Non-Faktische hat die Herrschaft über die Köpfe der vorgeblichen deutschen Eliten übernommen.

Teil 1: Das non-faktische Zeitalter

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Mir gefällt der Begriff „System“ für ein demokratisches Verfassungsmodell überhaupt nicht. Der Grund ist recht simpel und wurde von dem Germanisten und Literaturwissenschaftler Victor Klemperer perfekt beschrieben:

Für die Nazis war das Regierungssystem der Weimarer Republik das System schlechthin, weil sie mit ihm in unmittelbarem Kampf gestanden hatten, weil sie in ihm die schlechteste Regierungsform sahen … Ein System ist etwas ‚Zusammengestelltes‘, eine Konstruktion, ein Bau, den Hände und Werkzeuge nach Anordnung des Verstandes ausführen. … Das Kantische System ist ein logisch geknüpftes Gedankennetz zum Einfangen des Weltganzen; für Kant heißt philosophieren: systematisch denken. Gerade das aber ist es, was der Nationalsozialist aus dem Innersten seines Wesens heraus ablehnen … muss.
Wer denkt, will nicht überredet, sondern überzeugt sein; wer systematisch denkt, ist doppelt schwer zu überzeugen. Deshalb liebt die LTI [„Lingua Tertii Imperii“ – die Sprache des Dritten Reichs] das Wort Philosophie beinahe noch weniger als das Wort System. Dem System bringt sie negative Neigung entgegen, sie nennt es immer mit Mißachtung, nennt es aber häufig. Philosophie dagegen wird totgeschwiegen, wird durchgängig ersetzt durch ‚Weltanschauung‘.“

Die Verwendung des Begriffs „System“ dokumentiert insofern das, was neuerlich fälschlich als „postfaktisch“ bezeichnet wird. Es dokumentiert die Ansicht, das Denken durch das Glauben zu ersetzen. Der Verwender des System-Begriffs setzt sich im Sinne der Selbstermächtigung hinweg über wissenschaftlich-logische Erkenntnis und ersetzt das Ergebnis eines logischen Denkprozesses durch die Glaubenssätze einer gedachten Wirklichkeit. David Hume betrachtete dieses Phänomen mit den folgenden Sätzen:

„Es gibt eine Art von stumpfsinnigem, unwissenschaftlichem Skeptizismus, welcher der Menge ein allgemeines Vorurteil eingibt gegen alles, was sie nicht versteht und sie veranlaßt, jeden Grundsatz, der ausgeführte Beweisführung erfordert, zu verwerfen. Diese Art von Skeptizismus ist für die Wissenschaft verderblich, nicht aber für die Religion.“

Das Vorurteil als ein dem intellektuell erarbeiteten Urteil vorgelagerter und dieses überlagernder Glaubenssatz schafft eine scheinbare Wirklichkeit, welche in der individuellen Übersteigerung zur vorgeblichen „Wahrheit“ verklärt wird – dabei verkennend, dass „die Wahrheit“ im Sinne Boolescher Logik nur auf einem „Ja“ oder „Nein“ beruhen kann. Etwas ist wahr – oder es ist es nicht. Ein „Dazwischen“, ein „Entweder-oder“ gibt es nicht. „Wahrheit“ ist daher auch niemals eine Annahme, sondern immer ein unwiderlegbarer Fakt. Weshalb sie auch niemals „viele Gesichter“ haben kann – sondern immer nur eines. Alles andere ist jene „gedachte Wirklichkeit“ als das, was unser Gehirn als unser gegenwärtiges Sein zu erfassen meint. Wer etwas „für wahr hält“, der verkündet einen individuellen Glaubenssatz – nicht aber eine Wahrheit. (vergl. Spahn: Wahrheit – Religion – Wirklichkeit, ISBN 978-3-943726-69-5)
Aus dem „Für-wahr-halten“ entwickeln sich in einem ersten Schritt gedachte Parallelwelten, in denen die darin lebenden die kommunikative Basis zur Restwelt verlieren. Sie begreifen sich als die einzig Erkenntnisschöpfenden und kreieren aus dieser gedachten Erkenntnis heraus zu bekämpfende Feindbilder. Für die „Für-wahr-halter“ ist die „Weltanschauung“ das individuelle Substitut der Philosophie – eine Metaphilosophie ohne den Anspruch, systematisch gedacht zu werden. Aus der gedachten Parallelwelt, die das Denken beherrscht, entwickelt sich der menschliche Anspruch, die tatsächliche Welt in die Idee der Parallelwelt zu transformieren: Es ist dieses das klassische Modell des Religionsschöpfers oder des politischen Ideologen, die von ihm gedachte Welt zum Maß aller Dinge zu machen, dem sich alle anderen Individuen zu unterwerfen haben. Es gilt die Erkenntnis des John Locke, dass „sich kein Irrtum namhaft machen lässt, der nicht seine Bekenner gehabt hätte, und niemals wird es jemandem an krummen Pfaden, die er gehen könnte, fehlen können, wenn er auf dem rechten Wege zu sein glaubt, sobald er nur irgendwo den Fußstapfen anderer folgen kann.“
Das „System“ als selbstreferentielles Konglomerat oder „Narrativ“ all dessen, dem sich der Systemkritiker persönlich als im Widerspruch zur eigenen, gefühlten Weltanschauung stehend beständig ausgesetzt sieht, beschreibt ein diffuses weil nicht mehr rational erklärbares Etwas, welches scheinbar das einzige Ziel verfolgt, die eigene Persönlichkeit zu vernichten – und welches wiederum deshalb zu vernichten ist.
Erich Fromm erkennt den Menschen als „eine Einheit von Körper und Geist, die auf die Dichotomie [Struktur aus zwei Teilen, die sich gegenüberstehen und sich gegenseitig ergänzen] ihrer Existenz nicht nur denkend, sondern mit ihrem gesamten Lebensprozeß, mit ihrem Fühlen und Handeln reagiert“. Der „postfaktische“, faktisch jedoch non-faktische Systemgegner blendet die Ratio als Wissenschaftlichkeit aus und begründet sein Handeln dennoch aus scheinbarer Vernunft heraus, weil, wie es Fromm formuliert, „es ihm nicht schwer fällt, unvernünftig zu handeln, aber es ihm fast unmöglich ist, seiner Handlungsweise den Anschein einer vernünftigen Motivation zu versagen“. Die Emotio, das nicht wissenschaftlich und erkenntnistheoretisch reflektierte Bedürfnis, ersetzt die logisch strukturierte Verstandesleistung. Populär formuliert: Entscheidungen werden nicht mit dem Kopf, sondern aus dem Bauch heraus getroffen.
Prognos beschrieb die Ursachen dieses Phänomens bereits in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts in einer Jugendstudie als „das empfundene Unvermögen, an seiner eigenen Situation konkret etwas zu verändern“, woraus sich als letztverbliebene Lebensperspektive der Wunsch nach revolutionärer gesellschaftlicher Veränderung entwickele. Der Psychoanalytiker Erik H. Eriksen leitete daraus als Extremform ein Persönlichkeitsbild ab, das an die Stelle von Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit „angestrebte Phantasiebilder und –ziele“ setze, welche „zu der realen Erwachsenenwelt in krassem Widerspruch stehen“.
Tatsächlich jedoch beschränkt sich dieses Phänomen nicht auf Jugendliche und Heranwachsende, sondern durchzieht Gesellschaften in allen Altersklassen – und man könnte zumindest im Sinne Eriksens zu der Überzeugung gelangen, dass diese Persönlichkeitsbilder nicht nur beim Adoleszenten gekoppelt sind mit der Verweigerung des Erwachsen-werdens: Ein nicht enden wollender, pubertärer Prozess in der geistigen Reife, der sich von der biologischen Reifung abkoppelt.
In der uns umgebenden Wirklichkeit treffen wir im Extremen auf solche Persönlichkeitsbilder in Kreisen sogenannter Verschwörungstheoretiker ebenso wie bei jenen, die in der festen Überzeugung, damit einem übergeordneten, irrational-göttlichen Weltziel zu dienen, als Kämpfer des „Islamischen Staat“ nach Syrien ziehen oder andernorts gegen das gegnerische System der „Ungläubigen“ terroristisch vorzugehen suchen. Tatsächlich allerdings führt an der Erkenntnis kein Weg vorbei, dass auch weniger auffällige Adulte den Prozess des Erwachsen-werdens oftmals mit spätestens 25 Lebensjahren abschließen und die bis dahin entwickelten Verhaltensweisen und Denkmuster nicht mehr ändern. Wenn beispielsweise ein sich selbst als „Progressiver“ verstehender Endfünfziger sich bei seinem getwitterten „Musiktipp für euch da draußen im digitalen Orbit“ grundsätzlich und regelmäßig aus dem Zeitraum zwischen 1968 und 1975 bedient, kann diese kontinuierlich dokumentierte Stagnation in der persönlichen Entwicklungsfähigkeit durchaus auch als Reprogressivität in der Umkehr des Fortschrittlichen verstanden werden. Da es ihm jedoch nach Fromm fast unmöglich ist, seiner Handlungsweise den Anschein einer vernünftigen Motivation zu versagen, wird er seine Stagnation als einen unentwegten Fortschritt definieren und sich aus tiefster Überzeugung selbst als der „Progressive“ von einst verstehen. Er wird nicht einmal begreifen, dass dieser Begriff aus der Mottenkiste der 68er selbst in den Kreisen, die sich dereinst als Progressive verstanden hätten, in der ihn überlebten Wirklichkeit längst ausgedient hat. In der Staatstheorie finden wir vergleichbare Phänomene in Ländern mit „institutioneller Revolution“ – der absurde Versuch, einen einmaligen Transformationsprozess gesellschaftlich zu konservieren, bei dem der Revolutionär selbst zum Reaktionär wird, der jedweden gesellschaftlichen Fortschritt, jede Weiterentwicklung als Angriff auf sein durchgesetztes Weltbild betrachtet und betrachten muss.

Der Weg in die Parallelwelt

Wenn ich nun dennoch den Begriff „System“ verwende, so geschieht dieses nicht nur deshalb, weil er in der gesellschaftskritischen Debatte erneut zunehmend mehr an Raum gewinnt, sondern weil er in seinem von Klemperer so perfekt beschriebenen Inhalt zunehmend mehr die öffentliche Wahrnehmung prägt. Hierbei beschränke ich diesen Begriff nicht auf jene Gegnerschaft zu bestehenden oder als real empfundenen „Regierungssystemen“, sondern möchte ihn als Synonym auch für jedes Denkmodell verstanden wissen, welches entweder sich selbst als von jenem „System“ bedroht sieht oder selbst derart in sich geschlossen ist, dass es, sämtlichen „System“-Kriterien einer scheinbaren, inneren Logik folgend, selbst als „System“ zu begreifen ist. Denn – siehe oben – da es dem Systemgegner unmöglich ist, der eigenen Handlungsweise den Anschein einer vernünftigen Motivation zu versagen, bleibt dem Gegner des „Systems“ nichts anderes übrig, als ein eigenes „System“ dagegen zu setzen: Er entwickelt in der Reaktion auf das ihn Bedrohende auf Basis innerer Logik ein Gegensystem, welches dann tatsächlich zur Grundlage der „Weltanschauung“ wird.
Diese Weltanschauung wiederum – so sagt es der Begriff – ist die persönliche Sicht auf die Welt, die sich in der Abgrenzung zum System der Ratio nicht mehr an die Wissenschaftlichkeit zu halten hat und rationale Erkenntnisprozesse durch irrationale Vorstellungen ersetzt. Irrationale Vorstellungen wiederum sind das, was der Mensch in seiner Begrifflichkeit mit dem Wort „Glauben“ beschreibt: Wer etwas „glaubt“, der weiß es nicht. Er nimmt jenseits der nachvollziehbaren Erkenntnis im Sinne Kants an, dass etwas so sei, wie er es glaubt – was wiederum, wie der Religionsphilosoph Paul Tillich zu recht beschreibt, als „das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht“, in seiner religiösen Dimension sehr wohl zulässig ist – jedoch dann seine Erklärungsfähigkeit verliert, wenn diese religiöse Dimension den Versuch unternimmt, die rationale Wissenschaft betrachten zu wollen. Wie umgekehrt der Versuch oder der Anspruch von Wissenschaft, die religiöse Dimension belegen oder widerlegen zu wollen, keinerlei Sinn macht, weil, wie es Tillich formuliert, „die Wissenschaft nur mit Wissenschaft und der Glaube nur mit Glauben in Konflikt geraten“ kann. Rationale Erkenntnis kann nur mit rationaler Erkenntnis, Glaube nur mit Glaube und damit Meinung als Manifestation des Glaubens nur mit Meinung korrespondieren. Das Faktische wird durch das Nicht-Faktische ersetzt, weshalb der Begriff des „Postfaktischen“ eine Chimäre ist, an deren Statt der Begriff des „Nonfaktischen“ zu setzen ist.
Welche Absurditäten dieser Konflikt in der Kommunikationsunfähigkeit der verschiedenen Dimensionen regelmäßig produziert, kann in unserer medialen Welt alltäglich bewundert werden. Ob Journalisten oder Politiker, ob vorgebliche Experten in den Unterhaltungsinstrumenten mit der Bezeichnung „Talkshow“, korrekt übersetzt als „Gesprächs-Schauveranstaltung“ – sie alle agieren nicht mit Fakten als wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern mit Glaubenssätzen, welche zumindest in der Spontaneität des öffentlichen Events anders als im geschriebenen Wort auch nicht kaschiert werden. Kaum eine Formulierung fällt in diesen Talkshows so häufig wie das „Ich glaube …“.
Es geht daher in diesen Schauveranstaltungen so gut wie nie um Erkenntnisschöpfung der Ratio, sondern um das Werben für das Irrationale – für die individuelle Weltanschauung. Wer tatsächlich als Wissender und nicht als Glaubender in eine solche Runde gerät, der steht dort gegen die selbstreferenzierende Meinung der Selbstermächtigung auf verlorenem Posten. Denn er bewegt sich – siehe Tillich – in einer anderen Dimension, die, da sie auf Grund ihres Mangels an emotionaler Mitnahmefähigkeit deutlich weniger Unterhaltungswert hat als das Aufeinandertreffen von Glaubenssätzen, in solchen Shows nicht gefragt ist. Hier treffen Parallelwelten auf einander, deren jeweilige Protagonisten nach dem Beifall jener heischen, die sich in derselben Parallelwelt bewegen – und gleichzeitig nach Locke darum werben, für ihren Glauben im Sinne von Meinung weitere Anhänger zu gewinnen.

Teil 2: System und Revolution

Jedwedes Umwälzen eines bestehenden „Systems“ verstehen wir als Revolution. Revolutionen zielen jenseits jeglicher Verklärung durch die Revolutionäre immer und ausschließlich darauf ab, bestehende Eliten durch neue zu ersetzen. Doch Revolution ist nicht gleich Revolution – auch wenn in vielen Köpfen immer noch der „Klassiker“ das Bild bestimmt.

Die Klassische Revolution

Der Klassiker der Revolution, das ist jener Aufstand der Massen, zumeist unmittelbar ausgelöst aus scheinbar nichtigem Anlass. Der kollektive Aufschrei der Menschen gegen die erlittene Ungerechtigkeit. Das Volk erhebt sich in gerechtem Zorn gegen seine Unterdrücker. Die das Gewaltmonopol ausübenden Büttel des Systems werden überrannt oder wechseln an die Seite der Gerechten, als welche sich die Revolutionäre verstehen. Die Repräsentanten des Systems fliehen Hals über Kopf aus dem Land oder enden auf dem Schafott.
Es ist eine überaus romantisierende Vorstellung von Revolution, die sich mit diesem Klassiker verbindet. Eugéne Delacroix brachte sie in überbordender Pathetik in seinem Bild „Die Freiheit führt das Volk“ zum Ausdruck. Tatsächlich führte „die Freiheit“ der französischen Revolution das Volk in eine Phase von Willkürstaat, Chaos und Krieg. Und das aus nur einem einzigen Grund: Die Revolutionäre von 1789 waren nur partiell Gegner des bestehenden Systems –sie hatten es versäumt, ein eigenes Systemmodell zu entwickeln, welches nahtlos an das abzulösende hätte anknüpfen können. Sie, die das System der monarchischen Willkürherrschaft abzulösen gedachten, waren letztlich außerstande, ein weniger willkürliches System dagegen zu setzen.
Das faktische Versagen der Revolution liegt bereits in der Widersprüchlichkeit ihrer plakativ vorgetragenen Mythen von Liberté, Égalité, Fraternité:

– Freiheit, heute gern als Libertarismus bezeichnet, bedeutet in radikaler Konsequenz, sein eigenes Ich rücksichtslos über alles andere zu setzen. Absolute Freiheit ist der Triumph des Individuums über die Massen.
– Gleichheit ist, wenn sie nicht ausschließlich als Gleichbehandlung vor dem Gesetz und durch die staatlichen Institutionen begriffen wird, die Vernichtung des Individuellen. Eine Gesellschaft von Gleichen ist das Kollektiv identischer Klonwesen, gefangen in einer Matrix der stagnativen Macht.
– Brüderlichkeit rezipiert den christlichen Wert der Liebe. Sie akzeptiert die Unterschiedlichkeit von Individuen, erwartet jedoch vom Einzelnen, seinen Nächsten wie sich selbst zu behandeln. Die Menschen sollen gleichzeitig frei und gleich sein – eine Idealvorstellung, die wenig Bestand hat in einer Situation, in der um Pfründe und damit um Macht gerungen wird.

Die erste Phase der französischen Revolution speiste sich aus dem Wunsch nach Freiheit. Es war der zutiefst bürgerliche Wunsch, sich in einer geordneten Gesellschaft, in einem bestehenden „System“ ungehindert durch staatliche und klerikale Schranken frei und sicher vor Willkür entfalten zu können. Die bürgerlichen Revolutionäre verfolgten das Ziel einer konstitutionellen Monarchie mit bürgerlichen Freiheitsrechten und kooperierten mit Vertretern des Feudaladels. Sie entmachteten den Klerus, waren jedoch alles andere als Sozialisten und versäumten es, die Hefe des Volkes, welches gelernt hatte, dass das System durch Aufstand zu verändern ist, auf seinem Weg mitzunehmen.
Die zweite Phase der Revolution – sie begann unter der Bedrohung der ersten Revolution durch Vertreter der alten Eliten 1792 – ersetzte die konstitutionelle Monarchie durch eine Republik. Der König als Vertreter des Ancien Régime wurde wegen der Konspiration mit den vorrevolutionären Eliten hingerichtet. Erst jetzt kam es zum tatsächlichen Zusammenbruch des Systems, flankiert durch Aufstände in ländlichen Regionen wie der Vendée und Engpässen in der Versorgung. Angesichts des Zusammenbruchs der gemäßigten Revolution von 1789 setzten nun die egalitären Vertreter den Wert der Brüderlichkeit ebenso wie den der Freiheit außer Kraft und errichteten das, was als die Willkürherrschaft des „Terreur“ in die Geschichte einging. Zu ihren Opfern gehörte nicht nur der freiheitliche Revolutionär der ersten Stunde, Camille Desmoulins, der am 5. April 1794 den Weg unter die Guillotine antrat – auch jene, die wie Jean-Paul Marat den Terreur rechtfertigten, indem er propagierte, dass die Freiheit mit Gewalt geschaffen werden müsse, weshalb „auf eine gewisse Zeit der Despotismus der Freiheit zu organisieren [sei], um den Despotismus der Könige zu zerschmettern“, oder Georges Danton, der seinen Terror erst mit der Aussage „Seien wir schrecklich, damit das Volk es nicht zu sein braucht!“ legitimierte, um dann wie Goethes Zauberlehrling vor dem selbst erschaffenen Monster zu erstarren, fielen ihrer Revolution zum Opfer. Die Revolution fraß ihre Väter. Und mit ihnen auch die radikalen Söhne der Brüderlichkeit wie Jacques-René Hébert, einen durch die Justiz in das Proletariat verstoßenen Bürger der vorrevolutionären Mittelschicht, und den radikalen, sich in seiner eigenen Hybris verfangenden Logiker der Macht, Maximilien de Robespierre.
Zum Ende der revolutionären Prozesse bedurfte es eines Usurpators namens Napoleon Bonaparte, um die System-lose Phase des revolutionären Chaos‘ zu ordnen und mit diktatorischer Macht unter der irreleitenden Bezeichnung „Reform“ ein neues, nachrevolutionäres System zu etablieren. Nach einer von den Siegermächten der Napoleonischen Kriege erzwungenen Phase der Restitution des Ancien Régime konnte erst die Drei-Tage-Revolution einer Koalition aus Bürgertum und städtischem Proletariat im Jahr 1830 tatsächlich die Revolutionsziele von 1789 manifestieren und die Transformation der französischen Gesellschaft vorerst abschließen. Tatsächlich allerdings sollte die Bildung einer postrevolutionären Elite noch bis zur Niederlage Frankreichs im von ihm initiierten Krieg gegen Preußen 1870 andauern. Erst mit der Absetzung des in deutsche Gefangenschaft geratenen, sich selbst an die Macht geputschten Kaisers und Neffen des Napoléon Bonaparte, Charles Louis Napoléon III, schuf die sogenannte Dritte Republik eine Phase der staatlichen Institutionalisierung und damit ein „System“, welches erst mit der Niederlage Frankreichs gegen Deutschland 1940 enden sollte.

Die Usurpatorische Revolution

Der französische Klassiker inspirierte vor allem in Europa zahlreiche Systemgegner, ähnliche Wege beschreiten zu wollen. Tatsächlich aber wurde der revolutionäre Klassiker des Volksaufstands spätestens im 20. Jahrhundert durch andere, revolutionäre Wege des Elitenaustausches abgelöst. Die Systemgegner bedienten sich anfangs der noch im 19. Jahrhundert wiederholt erfolgreichen Usurpation –einer in der Regel gewalttätigen Machtübernahme auf der Ebene der Machteliten. Später wurde der Systemaustausch durch die Gegner des alten Systems auf dem legalen Wege der unblutigen Übernahme des bestehenden Systems bewerkstelligt, dem erst danach der systematische Austausch der Systemeliten folgte. Hierfür stehen die Machtüberahme der nationalen Sozialisten 1933 und die gegenwärtige Situation in der Türkei.
Das historische Musterbeispiel der usurpatorischen Revolution lieferte das einen Krieg verlierende Russland. Am 7. November 1917 usurpierte eine kleine, intellektuelle Elite den nach-zaristischen Staat, kurz bevor eine Verfassung gebende Versammlung über den künftigen Weg des Reichs beraten sollte. Die revolutionären Usurpatoren etablierten umgehend ein non-faktisches, weltanschauliches System. Es scheiterte an seinen inneren Widersprüchen und Unzulänglichkeiten erst nach rund siebzig Jahren und schuf den Raum, der aus den zweiten und dritten Reihen des implodierenden Systems eine neue Elite an die Macht spülen sollte, welche nach der Jahrtausendwende zum 21. Jahrhundert, an mystifizierte Inhalte früherer Systeme anknüpfend, eine postrevolutionäre Präsidialautokratie etablierte.
Die Usurpatorische Revolution wird nicht mehr von den Volksmassen ausgelöst und getragen, sondern geht von einer kleinen, sich selbst als Revolutionäre verstehenden Elite aus, die ein instabiles oder destabilisiertes Machtsystem im Zuge eines gewaltsamen Staatsstreichs übernimmt. Der Austausch der Machteliten beschränkt sich zumindest in der unmittelbaren Übernahmephase auf kleine Personenkreise ohne Beteiligung der Volksmassen. Ganz im Gegenteil wird deren Beteiligung als Gefahr für die Revolutionäre empfunden und kann, wie im Falle der Niederschlagung der sogenannten Matrosenaufstände im russischen Kronstadt 1921, zur Übernahme der Vorgehensweisen des abgelösten Systems gegen jene führen, in deren Namen vorgeblich die Usurpation erfolgt ist.
Die Vertreter der russischen Usurpation perfektionierten dieses Modell, um nach der zweiten heißen Kriegsphase des Zwanzigsten Jahrhunderts ab 1945 in den ost- und mitteleuropäischen Ländern ihnen genehme Machteliten zu installieren. Erfolgreich eingesetzt wurde dieses Instrument auch im moldawischen Transnistrien sowie in der Ostukraine und auf der Krim, und es scheiterte – zumindest vorläufig – jedoch bei entsprechenden Versuchen, die zur Autonomie strebenden baltischen Staaten und die ukrainische Schwarzmeermetropole Odessa im eigenen Machtbereich zu halten.

Die Legalisierte Revolution

Das Musterbeispiel der Legalisierten Revolution findet sich in der Machtübernahme durch die nationalen Sozialisten im Jahr 1933. Sie bewegten sich nach einem ersten, gescheiterten Versuch gemäß dem Muster der Usurpatorischen Revolution innerhalb des von ihnen abgelehnten Systems und bedienten sich der Instrumentarien desselben, bis sie über einen legalen Weg der Machtübernahme in die Lage versetzt wurden, die bestehenden Eliten durch eigene zu ersetzen.
Joseph Goebbels, einer der intellektuellen Vordenker der „Bewegung“, wie sich die Revolutionäre bezeichneten, beschrieb diese Machtübernahme in seinem Tagebuch „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“ explizit als eine Überwindung des „Systems“ durch revolutionäres Selbstverständnis und bezeichnete diese im Sinne der Mythenbildung der Revolutionäre als „nationale Revolution“.
So sehr die Revolutionäre sich als Gegner des bestehenden Systems begriffen, so sehr waren sie selbst darauf angewiesen, ein eigenes System der Macht dagegen zu setzen. Der Gallionsfigur dieser Legalisierten Revolution, Adolf Hitler, war diese Notwendigkeit vollumfänglich bewusst, doch vermied er – von Klemperer zutreffend erkannt – die Begriffe des zu ersetzenden Systems. An die Stelle des Revolutionären wurde der Begriff der „Bewegung“ gesetzt. Für den Begriff „System“ findet sich im Selbstverständnis eine „Organisation“. Diese Organisation agiert non-faktisch in eben jenen von Eriksen gezeichneten „angestrebten Phantasiebildern und –zielen“. Sie verlässt den Kantischen Anspruch eines „logisch geknüpften Gedankennetzes zum Einfangen des Weltganzen“ durch die Pervertierung des kategorischen Imperativs, welcher lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Tatsächlich handeln Revolutionäre nach ihrem Selbstverständnis innerhalb ihrer Weltanschauung grundsätzlich uneingeschränkt auf der Basis des Kantischen Imperativs. Sie handeln ausschließlich und uneingeschränkt „nach derjenigen Maxime“, durch die sie diese zum allgemeinen Gesetz machen wollen. Die Pervertierung durch den Revolutionär jedoch liegt darin, dass er, anders als der Königsberger Philosoph, unter einem „allgemeinen Gesetz“ nicht eines versteht, welches auf der Grundlage menschlicher Ethik eines ist, welches allen Menschen gerecht werden muss, sondern eines setzt, an welches sich alle Menschen absolut zu halten haben. Kants so zu verstehende Forderung nach einem allgemeinen Menschenrecht wird durch das Substitut eines allgemein von allen Menschen zu befolgenden, singulären Eliterechts ersetzt.
Hitler formuliert dieses ebenso wie seine Vorstellung von einem idealen System wie folgt:

„Die Größe jeder gewaltigen Organisation als Verkörperung einer Idee auf dieser Welt liegt im religiösen Fanatismus, in der sie sich unduldsam gegen alles andere, fanatisch überzeugt vom eigenen Recht, durchsetzt. Wenn eine Idee an sich richtig ist und, in solcher Weise gerüstet, den Kampf auf dieser Erde aufnimmt, ist sie unbesiegbar und jede Verfolgung wird nur zu ihrer inneren Stärkung führen.“

Wie jeder Revolutionär verklärt Hitler hier das revolutionäre Ziel im Sinne Tillichs zu dem, „was den Menschen unbedingt angeht“. Die revolutionäre Idee ist etwas, das den Revolutionär absolut und ohne jede Bedingung zu erfüllen hat. Der „wahre Revolutionär“ hat vorbehaltlos an die vorgebliche Wahrheit seiner Sache zu glauben. Das revolutionäre Ziel wird zum Substitut des religiösen Glaubens, und das statt dessen Geglaubte wird als „Wahrheit“ fehlinterpretiert. Wie eine Religion definiert sie sich aus eigenem Recht und erfüllt den Revolutionär als Glaubenden mit der Mission, die revolutionäre Idee, das angestrebte Phantasiebild gegen jeden Widerstand „unbesiegbar“ zum Weltsieg zu führen. Der religiöse Charakter des nationalen Sozialismus gipfelte in den SS-Mystizismen eines Heinrich Himmler und dem Versuch des Chefideologen Alfred Rosenberg, der einen „Mythus des 20. Jahrhunderts“ verfasste, welcher jedoch aufgrund Länge und Wirrnis sein eigentliches Ziel, Basis einer neuen Weltordnung zu werden, verfehlte. Der aus dem Griechischen lateinisierte „Mythus“ des Nationalsozialismus landete als dokumentatorisches Bekenntniswerk ungelesen im Regal seiner Anhänger.
Paul Tillich, dem als Theologen darum zu tun war, den religionsgleichen Anspruch des Revolutionären von dem abzugrenzen, was er als Glaube als „das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht“, als „ein letztes Anliegen des Menschen“ definierte, schrieb unter dem unmittelbaren Eindruck der national-sozialistischen Revolution die folgenden Sätze:

„Wenn eine nationale Partei oder Gruppe das Gedeihen und die Macht der Nation zu ihrem letzten Anliegen macht, zu dem, was sie unbedingt angeht, so fordert sie, daß ihm alle anderen Anliegen geopfert werden, sowohl wirtschaftlicher Wohlstand, Gesundheit, Leben und Familie, ästhetische und Erkenntniswerte als auch Gerechtigkeit und Humanität.“

Es ist dieses eine perfekte Beschreibung einer jeden Revolution, wenn wir „nationale Partei oder Gruppe“ durch „revolutionäre Elite“ und „das Gedeihen und die Macht der Nation“ durch das jeweils originäre Revolutionsziel ersetzen. Sie anerkennt – jenseits der theologischen Differenzierung – den Charakter des Revolutionären als jenes, was wir als „Ersatzreligion“ bezeichnen und das doch – wie die Grundlage einer jeden Religion – erst einmal nichts anderes ist als ein gedankliches Konstrukt, eine Philosophie. Es belegt weiterhin, dass beispielsweise ein Konstrukt wie der Islam, dessen letztes Anliegen in der kollektivistischen Nation der Muslime uneingeschränkt dem entspricht, was Tillich für den Nationalsozialismus beschreibt, im Sinne des evangelischen Theologiephilosophen nur eine Ersatzreligion und nicht eine Religion sein kann. Aktuell liegt es nicht nur deshalb, sondern auch durch das konkrete Vorgehen auf der Hand, den herbeigeputschten Staatsstreich im NATO-Land Türkei ebenfalls als finalen Akt einer Legalisierten Revolution zu verstehen.
Wie die Klassische und die Usurpatorische Revolution frisst die Legalisierte Revolution ihre Väter. Waren es im System der von Josef Stalin geführten UdSSR Männer wie Sinowjew, Bucharin und Trotzki, so blieben im revolutionären Deutschland Männer wie Ernst Röhm und Gregor Strasser auf der Strecke.
Wie in der Klassischen und in der Usurpatorischen Revolution verdrängt oder vernichtet die Legalisierte Revolution nicht nur ihre ideologischen Gegner und Konkurrenten um die errungenen Pfründe, sondern all jene, die als Vertreter oder Befürworter des ersetzten Systems erkannt oder verdächtigt werden können. Traf es in Russland mangels breitem Großbürgertums vorrangig den Adel und Intellektuelle , so waren es in dem Deutschland des NSDAP die Großbürger. Der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden begann als Aktion gegen die geistige Elite – und auch der nicht-jüdische Deutsche sollte begreifen, dass die Freiheit des Denkens, das Anhängen an den Kantischen Begriff der Wissenschaftlichkeit zur individuellen Vernichtung würde führen können. In dem neuen „System“, das nicht so heißen durfte, war für die Eliten des alten Systems kein Platz mehr. Der religionsgleiche, selbstreferenzierende Glaube an einen kollektivistischen, germanischen Volkskörper ersetzte den individuellen Anspruch des denkenden Menschen und schuf die Grundlage zur Vernichtung des klassischen Bürgertums.
Im tagesaktuellen Beispiel der Türkei stellt sich die Situation nicht anders dar: Neben den wenigen noch verbliebenen Eliten des verhassten, alten Systems der Kemalisten treffen die Säuberungen einerseits jene Parteigänger der mittlerweile ausgestoßenen Gülen-Revolutionäre der frühen Phase und die geistige Elite. Die Muster der Legalisierten Revolution wiederholen sich.

Die Transformatorische Revolution

Den letzten Schritt fort von der blutgetränkten, klassischen Revolution hin zur unblutigen, unmerklich die Gesellschaft übernehmenden Transformatorischen Revolution ging die politische Linke ab 1967. Sie perfektionierte die Legalisierte Revolution, indem sie auf den eigentlichen, revolutionären Gewaltakt eines Fanals der Umwälzung völlig verzichtete und sich auf den Elitenaustausch konzentrierte.
Der Wandel von der gewaltsamen zur Transformatorischen Revolution basierte wie der Weg zur Legalisierten Revolution ursächlich nicht auf einem theoretischen Überbau, sondern auf einem intellektuellen Erkenntnisprozess. Als die Unmöglichkeit des Versuches, aus einem elitären Revolutionsanspruch heraus in einer Wohlstandsgesellschaft eine revolutionäre Massenbewegung, einen Zusammenschluss von sich als künftige Elite verstehender revolutionären Führung und Proletariat zu generieren, offenbar wurde, entwickelte der Mastermind der Revolution, Rudi Dutschke, sein transformatorisches Revolutionskonzept als „Marsch durch die Institutionen“.
Die theoretischen Vordenker der Frankfurter Schule gaben dem Revolutionsziel als Phantasiebild den Segen der Wahrheit, indem sie letztlich Karl Marx folgten, der behauptet hatte:

„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen.“

Die postmarxistische Ideologie leitete daraus ab, dass „die Wahrheit als Eigenschaft der Aussagen definiert wird, mit dem wiedergespiegelten Sachverhalt übereinzustimmen“ – oder, in den Worten des Jürgen Habermas: „Wahrheit nennen wir den Geltungsanspruch, den wir mit konstativen Sprechakten verbinden. Eine Aussage ist wahr, wenn der Geltungsanspruch der Sprechakte, mit denen wir, unter Verwendung von Sätzen, jene Aussage behaupten, berechtigt ist.“
Anders formuliert: Das Wunschbild, das „angestrebte Phantasiebild und –ziel“, wird zur Wahrheit, weil der deklaratorisch behauptete Anspruch auf eine Wahrheit des Wunschbildes berechtigt ist. Das Non-faktische wird zur Wahrheit, wenn es als solche behauptet wird und sich kein ideologie-immanenter Widerspruch dagegen erhebt. Der deklaratorische Anspruch eines irrealen Ziels wird als konstativer Sprechakt zur konstitutiven Erklärung der Gegenwart, versteht sich in der Narrative des Deklarierenden als absolut und unanfechtbar.
Theodor W. Adorno alias Theodor Ludwig Wiesengrund liefert der Transformatorischen Revolution den non-faktischen Grundcharakter des Revolutionären, wenn er von der Wahrheit der Theorie spricht. Er überwindet den Kantischen Anspruch an die Philosophie mit der folgenden Behauptung:

„Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und ist ein Stück Technik.“

Dieser Aphorismus aus der „Minima Moralia“ stellt die Philosophie unter das Diktat einer einzigen, metaphysischen Prämisse: „Der Erlösung“. Erkenntnis als Ergebnis des logischen Denkens, dem „logisch geknüpften Gedankennetz zum Einfangen des Weltganzen“ des Immanuel Kant, hat keinerlei Strahlkraft, folglich keinerlei Bedeutung, wenn sie nicht als „Erlösung“ über die Menschen kommt. So sich die Philosophie diesem Erlösungs-Diktat nicht unterwirft, hat sie ihre Existenzberechtigung verwirkt, da sie vor der Welt nicht zu verantworten ist.
Der Musiktheoretiker Adorno greift mit dem Begriff „Erlösung“ zurück auf das eigentliche Kernelement christlicher Glaubensphilosophie. Das „Licht“ als Symbol des einzig Göttlichen der frühen Kulturen führt ihn auf eine archaische Ebene der Mystik, auf das non-faktische Empfinden einer einzigen, transzendenten Wahrheit. Adorno überwindet nicht nur die Aufklärung, sondern die europäische Zivilisation an sich, tritt den Weg an in den gedanklichen Bauch einer Mutter Erde, deren einziger Lebens- und Erkenntnisquell die Sonne ist. Alles andere ist irrelevant, ist „Nachkonstruktion und ist ein Stück Technik“. So wird, wer nach der Erklärung der Nachkriegsdeutschen Technik-Feindlichkeit, nach der grünen Sehnsucht der Zivilisationsüberwindung sucht, bei Adorno fündig: Nachkonstruktion und Technik sind die eigentlichen Reiter der Apokalypse. Sie haben über den Weg der Philosophie der Aufklärung den Weg geebnet für die Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts.
Der revolutionäre Akt der Überwindung der klassischen Philosophie wird auf die Ebene religiöser Erweckung transferiert, die Revolution selbst als Katharsis zu einem religiösen Akt des Glaubens. Diese Erhebung des Revolutionären geht einher mit einer „Theorie“, die ihre Wahrheit aus ihrer Aufgabe im historischen Prozess erfahre – und sie müsse nach Adorno auf „allgegenwärtiges Glück und Freiheit“ ausgerichtet bleiben, wobei bereits hier die Frage unbeantwortet bleibt, wie eine „Freiheit“ zu verstehen sein kann, wenn sie ausschließlich die imaginäre Wahrheit eines Phantasiebildes akzeptiert.
Damit nun liegt das revolutionäre Ziel nicht mehr in der unmittelbaren Überwindung aktueller Missstände, sondern wird zur religiösen Heilserwartung –es ist ein Substitut der zu überwindenden Wirklichkeit als eine angestrebte irdische Realität des himmlischen Paradieses. Dieses Substitut erweist sich spätestens dann als Wahrheit, wenn es sein Ziel erreicht hat, und hat damit die wissenschaftliche Qualität jenes circulus vitiosus der Erweiterung des „cogito ergo sum“ von René Descartes: Ich denke, also bin ich und ich bin, also denke ich. Weil das Huhn nicht ohne das Ei und das Ei nicht ohne das Huhn möglich ist, entwickeln beide eine solipsistische Wahrheit des temporären sum ergo sum – es ist das Ei in dem Moment, in dem es ist, weil es ist, und es ist das Huhn in dem Moment, in dem es ist, weil es ist. Die unbestreitbare Wahrheit des Augenblicks erübrigt das Erfassen von Kausalität – es wird als Nachkonstruktion ausgeblendet. Das Gestern ist Wahrheit, weil es war – und die geträumte Zukunft ist Wahrheit, wenn sie Gegenwart gewesen ist. Weil die transzendente Heilserwartung des Revolutionärs in seiner auf eine finale Wahrheit orientierten, linear-geschlossenen Zeitdimension eines Tages zwangsläufig sein wird, ist sie genau dieses bereits heute: Wahrheit.
Der Revolutionär – gleich, worauf er sich beruft und wo er sich persönlich einsortiert – ist Verfangen in der non-faktischen Wahrheit des Revolutionärs Adolf Hitler:

„Wenn eine Idee an sich richtig ist und, in solcher Weise gerüstet, den Kampf auf dieser Erde aufnimmt, ist sie unbesiegbar und jede Verfolgung wird nur zu ihrer inneren Stärkung führen.“

Weil seine individuelle oder kollektive revolutionäre Idee im auf Transzendenz angelegten Bewusstsein eines jeden Revolutionärs „an sich richtig“ ist, wird sie als unvermeidliche Wahrheit zwangsläufig sein – und weil sie sein wird, ist sie Wahrheit. Damit wird nun auch jeder Zweifler, jeder Kritiker an der revolutionären Wahrheit nicht nur als Vertreter einer abweichenden Position zum Häretiker, sondern zum mit allen Mitteln zu bekämpfenden Ketzer, zum Irrgläubigen. Der katholische Klerus bekämpfte den Häretiker im Spätmittelalter mit dem Instrument der Heiligen Inquisition. Der Islam nennt diesen Häretiker im Koran einen „Ungläubigen“, dessen physische Existenz vernichtet werden darf, vernichtet werden muss. Für den Revolutionär ist er der Renegat, wenn er sich aus der eigenen Glaubensidee entfernt; der Konterrevolutionär oder Reaktionär, wenn er es wagen sollte, die Wahrheit der Revolution durch die Wahrheit des Vorrevolutionären ersetzen zu wollen; der Dissident, wenn er grundsätzlich nicht mit den Phantasiebildern der Revolutionäre übereinstimmt.

Die Transformatorische Revolution in Deutschland

Während das System der DDR nahtlos an jenes der NSDAP anknüpfen konnte, indem es den totalitären Kollektivismusgedanken perfektionierte und an der metaphysischen Wahrheit eines irdischen Paradieses festhielt, unternahm die Bundesrepublik 1949 den Versuch, mit der Teilrestitution des Weimarer Verfassungsmodells die nationalrevolutionäre Phase zwischen 1933 und 1945 auszublenden. Vor allem dieses restitutive Element weckte den Widerstand jener sich als „progressiv“ definierenden Gruppen, die sich aus der revolutionären Tradition der Heilserwartung des Karl Marx speisten – und sie entwickelten mit dem „Marsch durch die Institutionen“ das Konzept einer zwar unblutigen, nicht jedoch weniger radikalen, revolutionären Systemübernahme.
Das revolutionäre Konzept der schleichenden Übernahme ist in gewisser Weise die Umkehr des klassischen Revolutionsablaufs: Nicht mehr das Fanal der massenbasierten Umwälzung steht am Anbeginn der Revolution, sondern statt dessen beginnt diese „stille“ Revolution mit dem Elitenaustausch, der traditionell erst auf das erfolgreiche Fanal folgte. Die Transformatorische Revolution sickert unmerklich in die Gesellschaft, besetzt Schlüsselpositionen vorrangig in Bildung, Kommunikation und Politik. An ihrem Ende steht – wie bei jeder erfolgreichen Revolution – die vollständige Verdrängung der alten Eliten durch neue, vom „revolutionären Denken“ geprägte.
Wie jede Revolution benötigte die Transformatorische Revolution eigene Mythen. Sie fand sie im Gründungsmythos der 67/68er-Proteste, im Streetfight gegen die Reaktion, im kollektiven Erweckungserlebnis in Brockdorf oder dem Wendland und im Beinahe-Märtyrertod ihres Vordenkers. Sie strebte nach dem Phantasiebild einer Welt des Friedens, der Überwindung des Nationencharakters, der Heilsvision des paradiesischen Elysium allumfassender Gleichheit und Gerechtigkeit und vermeinte, in der Fehlinterpretation des Freiheitsbegriffs in der legitimen Tradition jenes französischen Dreiklangs von Liberté, Égalité, Fraternité zu stehen und damit den aus ihrer Sicht revanchistischen Dreiklang der deutschen Revolution des 19. Jahrhunderts zu überwinden, der mit Einigkeit und Recht und Freiheit die nationale Selbstbestimmung, ein bürgerliches Rechtssystem der Gleichbehandlung und die Freiheit des Einzelnen, sich im Rahmen seiner Fähigkeiten frei entfalten zu können, zum Ziel gesetzt hatte.
Gleichzeitig schaffte sie sich Feindbilder, die es in der Logik des Marat mit Vehemenz zu bekämpfen galt und gilt: Faschisten, Kapitalisten, Nationalisten, Kriegstreiber, Chauvinisten und die Bourgeoisie insgesamt gelten als Vertreter jener alten Eliten, die es auszumerzen gilt. Die Instrumente der revolutionären Inquisition finden sich sowohl in den selbstreferenzierenden Gruppen der Antifa wie in der durch das System legitimierten Mind-Police eines uneingeschränkt in den Traditionen der deutschen revolutionären Bewegung stehenden Bundesministers der Justiz.
Ihre wahrheitsverklärten Glaubensziele finden die Revolutionäre beispielsweise im Glaubenskampf gegen den Teufel Atomkraft, den menschengemachten Klimawandel, den Weltverderber USA und nicht zuletzt wie schon Hitler in einer „kapitalistischen Clique, die für ihre niederträchtigen persönlichen Interessen bereit war und ist, Millionen von Menschen vernichten zu lassen“. (DgF 225)
Wie die nationalsozialistischen Revolutionäre ersetzt die Transformatorische Revolution die Kantische Geisteswissenschaft durch transzendente Pseudowissenschaften. War es zwischen 1933 und 1945 die Pseudowissenschaft einer „Rassetheorie“, die auf der Vergewaltigung der Erkenntnisse des Charles Darwin beruhte, so findet sich heute beispielsweise mit dem universitär verankerten Genderismus eine Pseudowissenschaft, die den revolutionären Transformationsprozess in den Köpfen der Massen durch die Überwindung des Faktischen der Naturwissenschaft nun nicht mehr nur im Bereich der sogenannten Sozialwissenschaften abschließen soll, sondern sich der Grunderkenntnisse einer natürlichen Ordnung bemächtigt. Ihre Protagonisten folgen damit der Feststellung des Friedrich Engels, der das revolutionäre Ziel als „Ideal“ beschreibt:

„Wenn man aber ein Ideal hat, kann man kein Mann der Wissenschaft sein, denn man hat eine vorgefaßte Meinung.“

Das Non-Faktische, dessen Sieg Bundeskanzler Angela Merkel mit der Deklaration eines „postfaktischen Zeitalters“ erklärte, ersetzt als Dominanz des Geglaubten, als Herrschaft jenes metaphysischen Phantasiebildes das systematische Denken zum Einfangen des Weltganzen. Die vorgebliche Wahrheit des transzendenten Traums darf nicht länger von den Barrieren der faktischen Vernunft aufgehalten werden.
Man kann den Sieg der Transformatorischen Revolution nicht besser beschreiben als ein Student in seinem Kommentar zum andernorts publizierten ersten Teil der hier angestellten Überlegungen:

„Es wird an meiner Uni fast ausschließlich mit Glaubenssätzen gehandelt. Es wird immerzu die ‚richtige‘ Haltung propagiert, die ‚falsche“ diffamiert. Die Kritiker, die Denker, die Zweifler, also jene, die ihren Verstand benutzen und Begründungen einfordern, sind lästig. Das Selbst, das denkende Ich, hat hier keinen Platz mehr.“

Die Inhalte der Köpfe des Volkes sollen vom Phantasiebild der revolutionären Eliten geprägt sein. Jeder Widerspruch dagegen wird unzulässig. Zitieren wir noch einmal Paul Tillich, um zu begreifen, was das non-faktische Zeitalter aus dem selbstbestimmten, denkenden Menschen der Aufklärung gemacht hat:

„Wird der Glaube verstanden als Glaube an die Wahrheit einer Sache, so ist der Zweifel unvereinbar mit ihm.“

Nur darum geht es: Der Zweifel an den Phantasiebildern der Elite soll unvereinbar sein mit der menschlichen Existenz. Das Diktat der Geistesdiktatur soll alles, was auf frühere oder künftige, andere Systeme Bezug nehmen könnte, vernichten.
Der Mensch in der non-faktischen Gesellschaft der Gegenwart ist wie in jenem gleichnamigen Film gefangen in einer Matrix der Abhängigkeit, die ihn an die Schläuche der Indoktrination bindet und ihm dabei die Vision einer selbstbestimmten Existenz vorgauckelt. Er dient der revolutionären Elite des Systems als Elixier, als Trittbrett der eigenen Hybris. Doch die Freiheit, sich von diesen Schläuchen zu befreien, sich aus der Matrix des Diktats heraus auf sich selbst zu besinnen und die Unabhängigkeit seines Denkens zurück zu gewinnen, wird versagt. Die Schutzprogramme der Matrix sind die Instrumente der Political Correctness der Gegenwart. Anetta Kahane und ihre Supporter sind gleichzeitig Agent Brown und Agent Jones.
Wie sehr diese Matrix zum System geworden ist, sollte sich angesichts der Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten exemplarisch dokumentieren. Die vom System gewünschte Wirklichkeit entpuppte sich mit Donnerschlag als das, was sietatsächlich war: Ein irrationales Traumbild einer Phantasie, das Dokument einer selbsthypnotisch zur Wahrheit verklärten Parallelwelt, in dem eine gesamte Republik verfangen war, verfangen ist.
Der Zusammenbruch der Phantasie war das Menetekel für die Transformatorische Revolution – in dem Moment, wo sie sich ihres Endsiegs sicher wähnte. Das von ihr geschaffene System geriet in Panik, weil revolutionäres Wunschbild und Realität nicht mehr stimmig waren.

Teil 3: Die Panik der Entrückten

Welches Ausmaß die Verdrängung der Ratio durch das Irrationale, durch das Glauben, das Verharren oder Versinken in Parallelwelten angenommen hat, wurde wie selten zuvor bei dem Umgang des bundesdeutschen politmedialen Komplexes mit den Präsidentenwahlen in den Vereinigten Staaten von Amerika offenbar. Das Phantasiebild der Transformatorischen Revolution gaukelte sich in der gedachten Wahrheit ihrer Parallelwelt die Zwangsläufigkeit des Linearen vor und klammerte sich wie ein Schläfer, der das Erwachen aus einem beglückenden Traum verweigert, fest an Christian Morgensterns Lyrik, welche die wider das Erwartete erlebte Wirklichkeit selbst zum Traum macht:

„Und er kommt zu dem Ergebnis: Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Nichts offenbart das deutsche Dilemma der erfolgreichen Transformatorischen Revolution so wunderbar wie diese wenigen Zeilen des Schwabingers. Das Land bewegt sich in einer kollektiven Dimension „angestrebter Phantasiebilder und –ziele“, in der nicht sein kann, was nicht sein darf. Trump durfte nicht sein – also konnte er nicht sein. Er konnte dieses noch nicht einmal in der Wahlnacht, als jedem Beobachter mit undoktriniertem Verstand längst hatte klar sein müssen, wie das Ergebnis lautet. Und danach, als das Undenkbare geschehen war, da rettete man sich in die Illusion eines ungeliebten Albtraums, der irgendwie doch noch vorbei gehen würde, vorbei gehen musste. Das indoktrinierte Volk verfing sich mit seinen Protagonisten wie einst Jenni Schlückers „Schmetterling“ in der fernöstlich inspirierten Bröselmaschine: Sie wussten nach dem Erwachen nicht mehr, sind sie nun ein Mensch – oder doch ein Schmetterling?

Der böse Uncle Sam

Der polit-mediale Komplex des Systems setzte mit dem ihm innewohnenden Selbstverständnis die Ratio außer Kraft. Die inquisitorischen Instrumente der Transformatorischen Revolution hatten ganze Arbeit geleistet. Der Mensch Trump war zu einem Dämon, einem Teufel in Menschengestalt gemacht worden. In den Köpfen der an der Matrix des Systems angedockten Menschen war der Amerikaner der Wiedergänger jenes Adolf Hitler, dessen Tabuisierung als „das Böse schlechthin“ auch deshalb längst erfolgt war, um jede Diskussion über die Nähe der Revolution des nationalen Kollektivismus der NSDAP zu der des internationalen Kollektivismus der KPD dauerhaft zu unterbinden.
Die Vehemenz, mit der die Indoktrination diesen Trump bekämpfte, erklärt sich aus der Tatsache, dass er alles zu verkörpern schien, welches im Glaubenskampf der transformatorischen Revolutionäre als Feind ausgemacht war: Dieser Trump kämpfte nicht gegen den Teufel Atomkraft. Er bezweifelte das Glaubensbild des menschengemachten Klimawandels. Er charakterisierte so gänzlich anders als sein Vorgänger Obama jenen „Uncle Sam“, den alten, grimmig schauenden, weißhaarigen, weißen Mann, den James Montgomery Flagg 1916 geschaffen hatte. Dieser „Uncle Sam“ mit der Anmutung des Ebenezer Scrooge – von Charles Dickens 1843 erdacht und von Carl Barks 1947 für Walt Disney als Scrooge McDuck („Onkel Dagobert“) perfekt überzeichnet – stand als Vertreter jener „kapitalistischen Clique“, die für Hitler wie für die Revolutionäre der Transformation „für ihre niederträchtigen persönlichen Interessen bereit war und ist, Millionen von Menschen vernichten zu lassen“.
Uncle Sam war es, der seit 1916 junge Amerikaner anwarb, um erst gegen den deutschen Konkurrenten um die Führungsposition im Welthandel auf dem fernen, europäischen Kontinent ihre Knochen hinzuhalten, um dann den Deutschen erst ihre national-kollektivistische Revolution zu nehmen und anschließend den international-kollektivistischen Traum von Aldous Huxleys schönen, neuen Welt zu torpedieren.
Flagg’s Plakat gehörte zur Grundausstattung einer jeden revolutionären Studentenbude. Als ständige Mahnung gegen das von den USA verkörperte ewige Böse zierte Uncle Sam auf Sitzhöhe die Innenseite der Klotür oder – als Männer noch traditionell ihren Geschäften nachgingen – die Wand über dem Wasserkasten. Erfüllte Obama den romantisierenden Revolutionär noch mit dem wohligen Gefühl des edlen Wilden; hätte Hilllary Clinton den gegenderten Deutschen zumindest noch ein wenig weibliche Herzensliebe abgewinnen können – mit diesem Donald Trump feierte der alte, weiße Mann seine Wiedergeburt. Er stand für Rassismus und Nationalismus, für Frauen-, Schwulen- und Sonstiges -Feindlichkeit, für Kapitalismus, Umweltzerstörung, Imperialismus – kurz: für alles, was in den Köpfen der Transformierten nicht mehr sein durfte. Dass „The Donald“ mit seinem Vornamen in der Micky-Maus-Generation der Sechzigerjahre dann fast schon automatisch auch die unbewusste Assoziation zu Dagobert Duck alias Scrooge MacDonald erzeugen musste, setzte der Verknüpfung des republikanischen Wahlkämpfers mit dem verhassten Bild des bösen amerikanischen Chauvi-Kapitalisten gleichsam die Krone auf. Der politik-mediale Komplex musste keine großen Verrenkungen machen, um die Schläuche der Matrix mit einem Bild der Abscheu zu füllen.

Das mea culpa des Bildungsproletariats

„The Donald“ machte es den Indoktrinateuren leicht. Mit seinen als Wahlkampf getarnten Showveranstaltungen lieferte er der Matrix die Instrumente der Diabolisierung. Die andere Seite des Donald Trump, die bedächtige, ausgewogene, nachdenkliche, in der von Rassismus und Ausgrenzung nichts zu hören war und die man ohne große Mühe hätte finden können, hätte man sie finden wollen, fand nicht statt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, starb der journalistische Anspruch einer objektiven Berichterstattung unter der Hybris, ihn durch die Mission einer revolutionären Glaubenswahrheit ersetzen zu müssen.
Hajo Schumacher, der als perfekte Inkarnation des polit-medialen Komplexes mit seiner aus den Achtzigern in die Gegenwart geretteten Popperlocke den Welterklärer in den Talkshows geben durfte, schien nach der Wahl zu dämmern, dass er in seinem Anspruch als Journalist komplett versagt hatte. In einem Mea-Culpa-Text unter dem Titel „Meine TrumpLektion“ schreibt er:

„In Wirklichkeit weiß ich nichts von diesen Menschen, ihren Hoffnungen, ihren Träumen, ihren Enttäuschungen, ihrer Wut. Anstatt hinzugucken, zu fragen, was wissen zu wollen, habe ich genau das gemacht, was ich diesen Menschen vorgeworfen habe: Stereotype, Vorurteile, fertige Meinungen, Hirn ausschalten.“

Da scheint bei dem 52-jährigen ein wenig die Erkenntnis durchzuschimmern, sein Leben an den Schläuchen der Indoktrination der Matrix gehangen zu haben – und selbst einer dieser Schläuche zu sein. Das lässt hoffen – und dennoch ist die Hybris der Selbstreferenzierung einer transformatorischen Selbsthypnose nicht überwunden, wenn Schumacher nicht umhin kommt, „mich zu einer gewissen bildungsbürgerlichen Arroganz zu bekennen, die mit Ignoranz einhergeht, eine ebenso bequeme wie widerwärtige ‚HeuteShow‘Attitüde, von ganz oben runter.“
Nein, es ist keine „bildungsbürgerliche Arroganz“ – es ist das Denken des indoktrinierten Bildungsproletariats, das diese Ignoranz klassenkämpferisch dem Bildungsbürgertum zuzuschreiben sucht. Denn das Bildungsbürgertum, das in Deutschland spätestens seit 1933 gezielt vernichtet wurde, zeichnete sich dadurch aus, sein Handeln an jenem „logisch geknüpften Gedankennetz zum Einfangen des Weltganzen“ zu orientieren. Wie hätte es auf die Idee kommen können, die Wirklichkeit vorsätzlich auszublenden, weil sie der illusionären Wahrheit des Gewünschten nicht entspricht?

Die Schockstarre der Politikelite

Höhepunkte der Panik im System boten neben den Medienmachern, denen man ihre Unfähigkeit vielleicht noch damit entschuldigen mag, sich ihrer Funktion in der Matrix nicht vollumfänglich bewusst zu sein und unter dem Diktat einer angeblich vorherrschenden Meinung den Arbeitsplatzerhalt über den Selbstwert zu stellen, die Politikeliten.
Jener Endfünfziger, der in der Eigendefinition des „Progressiven“ die Stagnation seines revolutionären Kindertraumes feiert, reiste als vorgeblich überzeugter Sozialist persönlich in die USA, um dort aktiv Wahlkampf für eine Upper-Class-Millionärin zu machen, die nachweisbar enge Verbindungen zur Rüstungsindustrie hat und von politischen Führungen unterstützt wird, die sich ungerührt des ständigen Bruchs der Menschenrechte schuldig machen. Welch eine Schizophrenie muss sich im Hirn dieses Ralf Stegner Bahn brechen, dass er in Deutschland den Kapitalisten als gehörnten Teufel an die Wand stellt und in den USA eine Erzkapitalistin zum strahlenden Engel verklärt?
Eine Frau aus dem Niedersächsischen, als Bundesminister der Verteidigung im Kriegsfall jene, die die oberste Befehlsgewalt über die Bundeswehr hat, erleidet durch die Wahl des Monsters einen „Schock“, an dem sie via Frühstücksfernsehen das Volk mitleiden lässt. Was wohl hat der Bundesbürger von Ursula von der Leyen zu erwarten, wenn unerwartet ein hochgerüsteter Feind das kleine Deutschland angreifen sollte? Schock – das ist bekannt – führt zu Schockstarre. Wenn schon die demokratische Wahl des Präsidenten des wichtigsten Partners einen Schock auslöst, dann macht es tatsächlich Sinn, bei der Bundeswehr den Schwerpunkt auf Kindergärten statt auf leistungsfähiges Kriegsmaterial zu legen.
Ein Mann, der regelmäßig lächelnd die blutverschmierten Hände der Despoten dieser Welt schüttelt und sich als oberster Diplomat der Deutschen zum ergebnislosen Kotau in Moskau, Ankara und anderswo einfindet, verweigert dem frei gewählten Partner den diplomatischen Glückwunsch. Man stelle sich vor, ein Außenminister der USA hätte einem vom Volk gewählten deutschen Präsidenten diesen Glückwunsch verweigert, weil es in ihm einen „Hassprediger“ erkannt zu haben meint. Der Aufschrei des Entsetzens über diesen untragbaren diplomatischen Fauxpas wäre bis über den Atlantik zu hören gewesen. Glücklicherweise ist die Bundesrepublik davor gefeit, und das System der Transformatorischen Revolution nimmt die Entgleisung nicht nur hin –es befördert Frank-Walter Steinmeier, der mit seiner Wortwahl sein Verharren in der religiösen Komponente seiner Revolution perfekt dokumentiert hat, sogar noch selbst zum Präsidenten, der dann, anders als in der ältesten Demokratie der Gegenwart, eben nicht vom Volk, sondern von einem erlauchten Gremium der Eliten inthronisiert wird, nachdem drei (!) Personen darüber entschieden haben, ihn dazu zu machen.
Eine Frau, die in ihrer Jugend systembedingt die Sekretärin einer totalitären Kaderschmiede des zu indoktrinierenden Nachwuchses gewesen ist, meint, ihr Kooperationsangebot an den gewählten Präsidenten des wichtigsten Partners an eine Reihe von Bedingungen knüpfen zu müssen, die ihrem persönlichen Demokratieverständnis des Transformatorischen genehm sind. Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland erhebt sich zum Oberlehrer eines Regierungssystems, das er selbst erst seit 25 Jahren mühsam zu verstehen sucht und offensichtlich nicht verstanden hat, dass Demokratie eben nicht nur ist, wenn deren Wirklichkeit der geträumten Wahrheit eines Phantasiebildes entspricht. Welche Stimmen mögen dieser Jeanne D’Arc der Demokratie ein solches Junktim eingeflüstert haben?
Es ließe sich die Reihe der Entsetzten, der in Schockstarre gefallenen, der zu Tode betroffenen noch unbegrenzt fortsetzen:
– Um jene Töchter mit amerikanischer Staatsbürgerschaft eines deutschen Betroffenheits-Schauspielers, die angekündigt hatten, im Falle einer Trump-Wahl auf die US-Staatsbürgerschaft zu verzichten. Nun gut – die USA werden den Verlust verschmerzen.
– Um jenen Mitdreissiger aus München, der sich anmaßte, dem amerikanischen Volk eine Anleitung zum Widerstand gegen den gewählten Satan geben zu wollen und dessen Elogen in einem einstmals hoch geschätzten Medium namens „Die Zeit“ unkommentiert verbreitet wurden.
– Um jene Avaaz-Aktivisten aus dem radikal-revolutionären Umfeld der Transformatorischen Revolution, die einen weltweiten Aufruf gegen den demokratisch gewählten Präsidenten starteten, weil sie ihn, dem bislang nicht die Verantwortung für einen einzigen Toten nachzuweisen ist, als Unterstützer von Folter, Aufrufer zur Zivilistentötung und „genereller Anstiftung zu Gewalt“ auf Biegen und Brechen irgendwie doch noch zu verhindern suchen.
– Um jene Gymnasiasten aus Aachen-Alsdorf, die nach dem Wahlausgang „verzweifelt und fassungslos“ waren und dieses über ihre Lehrerin öffentlich kundtun ließen – welch Wunder, hatten doch die Schüler sich zuvor acht Wochen lang im Unterricht der Indoktrination aussetzen lassen müssen.
– Um jene bedauernswerten Austauschschüler, die angesichts der Trump-Wahl nun mit Bangen ihren Auslandserfahrungen im Land des wahrhaftigen Teufels entgegen zittern.
Trump weckte revolutionäre Urängste
Niemand kann heute sagen, was Trump für ein Präsident sein wird. Doch nicht nur der gesunde Menschenverstand sollte einem jeden sagen, dass nur selten etwas so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Doch darum geht es auch nicht.
Trump weckte die Urängste der sich erfolgreich wähnenden Transformatorischen Revolutionäre. Sie träumten sich am Ende des Weges ihres revolutionären Phantasiebildes, hatten sie doch erfolgreich Ziel um Ziel erreicht.
Der Teufel Atomkraft schien besiegt – und konnte durch den Beelzebub Kohle abgelöst werden.
– Dem Benzinmotor schien das Totenglöcklein geläutet – denn Strom kommt bekanntlich aus der Steckdose und wird mit überdimensionalen Vogel- und Fledermausschreddern gewonnen.
– Die deutsche Sprache, jenes Ungetüm, mit dem die bürgerliche Reaktion ihre revanchistischen Parolen unter das Volk brachte, war ent-negert und ent-zigeunert – und mit System gegendert. Das Sprachdiktat der Revolution war dabei, mit Wortverbot und Gender-Stern seinen Siegeszug in die zerstörte Schriftsprache einer vernichteten Nation der Dichter und Denker anzutreten.
– Die Bastionen bürgerlichen Kleingeistes wie Ehe und Familie lagen in Trümmern. Das vaterlos in den Indoktrinationsstätten des Staates aufwachsende Kind wurde zur Regel, die Vernichtung der auf Reproduktion bedachten Ehe durch die Erhebung der gleichgeschlechtlichen Verbindung in eben diesen Stand schien vorgezeichnet.
– Die Universitäten, dereinst Hort des freien Denkens und den Widerstands gegen die Systeme der Herrschenden, waren zu Schmieden eines demagogischen Bildungsproletariats umfunktioniert.
– Die christlichen Kirchen, einst Träger der Werte europäischer Kultur, gaben ihr Kreuz am Fuße des Tempelberges ab und beschritten ohne Rückgrat den Weg in die Unterwerfung.
Der Stolz auf die Nation als Träger eines eigenen Wertesystems war zerstört durch den unkontrollierten und nach wie vor gefeierten Import von Hundertausendschaften junger Männer aus kulturfremden Regionen.
– Die Irrwege einer abendländischen Zivilisation, die sich im Aufstellen von Tannen ein archaisches Fest verschönte und es wagte, aus Schweinen Nahrungsmittel zu produzieren, befand sich dank des Alleinherrschaftsanspruchs eines pseudoreligiösen Wüstenimperators der Spätantike auf dem Rückzug.
Kurz: Die Transformatorische Revolution schien ihre Ziele erreicht zu haben, die Transformation zur Non-Faktischen Traumwelt des gegenderten Nicht-Nationalen nicht mehr umkehrbar. Und dann geschah dieser, die revolutionäre Wahrheit in ihren Grundfesten erschütternde Irrtum namens Trump. Die Schockwelle erfasste die transformierte Republik, und ihre Matrix bekam sichtbare Risse.
Hatte das unerhörte Aufkommen einer kleinen, in Teilen bürgerlich-restaurativen und in anderen Teilen klassisch-konterrevolutionär daherkommenden Partei , von der mancher ihrer Köpfe seine sprachlichen Anleihen bei den legalisierten Revolutionären der deutschen Geschichte zu nehmen müssen meint, bereits kleine Vorbeben erzeugt, so traf der leibhaftige Teufel, der nun antrat, die USA zu führen, in die von der Matrix gespeisten Hirne wie der Einschlag eines Kometen. Die Panik im System – das zeigte sich bereits beim Prozedere der Nominierung der Präsidenten der Deutschen Republik – verwandelt die ohnehin schon vorhandene Wagenburg in Bunkermentalität.
In ihrer Panik werden die Protagonisten des Systems es auch weiterhin nicht begreifen, dass sie damit genau das befeuern, was sie doch vorgeblich um jeden Preis zu vermeiden suchen. Aber wie sollten sie auch?
Denken wir zum Abschluss dieses vierteiligen Ausflugs in Systeme und Revolutionen noch einmal an Paul Tillichs Satz:

„Wird der Glaube verstanden als Glaube an die Wahrheit einer Sache, so ist der Zweifel unvereinbar mit ihm.“

Und rufen wir uns nun mit Blick auf jene non-faktischen, der Wirklichkeit entrückten Transformierten Revolutionäre als deren reale Verortung im Weltgefüge einen Satz Sigmud Freuds in Erinnerung:

„Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.“

Damit ist dann doch alles gesagt – und der Erkenntnis Raum geschaffen, dass in einem funktionsfähigen Staatswesen jene das Ruder in den Händen halten sollten, die von dieser Welt sind – und nicht von einer anderen.

Nachschlag.

Von der Vernunft des Unvernünftigen – wenn Angst vernünftig ist

Wie es der Zufall so will – wobei der Gläubige gern auch von einem göttlichen Willen ausgehen mag – landete ich, nachdem die „Panik im System“ eigentlich abgeschlossen war, beim unwillkürlichen Zappen auf 3Sat in einem Filmchen, welches in wohlfeilen Worten meine Beschreibung der Ersetzung des Faktischen der kantischen Vernunft durch die vorgebliche Wahrheit der Transformatorischen Revolution durch Horkheimer, Marcuse und Co. bestätigte. Als dieses Filmchen endete, stellte es sich als Einspieler einer wenig prominenten Talkshow mit dem zielführenden Titel „Scobel“ heraus. Scobel, das ist jener für TV-Nischenangebote zuständige Gert, der, vom Scheitel bis zur Stimme androgyn, mit der Sanftheit des Weltverstehers Philosophisches zum Besten zu geben sucht – weshalb ihn Wikipedia als „deutscher Journalist, Fernsehmoderator, Autor und Philosoph“ ausweist, was jedoch – ich werde darauf zurückkommen – von Scobel selbst schon als Falschbeschreibung aufgefasst werden muss.

Scobel hatte seine Plauderrunde mit drei weiteren, mir immer noch unbekannten Personen besetzt, von denen zwei (einmal männlich, einmal weiblich) ebenfalls als „Philosophen“ ausgewiesen wurden, während der Dritte, der allem Anschein nach zumindest noch einen Fuß auf dem Boden der Wirklichkeit hatte, Sozialwissenschaftler war.

Durch den Einspieler bedingt, philosophierte man nun also über Vernunft. Es lohnt nicht, sich in die Tiefe der Wirren hinein zu begeben, doch sollen einige der Kernthesen nicht unter den Tisch gefegt werden. Weitgehende Einigkeit herrschte darin, dass „Vernunft“ sich angeblich selbst diskreditiert habe, weil sie ausschließlich als ökonomische Vernunft Anwendung gefunden habe, welche wiederum zwangsläufig in Umweltzerstörung und Ausbeutung ende, weshalb sie eben in ihrem wahren Kern unvernünftig sei.

Der anwesenden Philosophin, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, schwante offenbar tief in ihrem Freud‘schen Unterbewusstsein doch, dass diese Einengung von Vernunft recht unvernünftig ist. Und dieses eben nicht zuletzt deshalb, weil die Vernunft des wirklichen Philosophen Immanuel Kant genau eine solche Einschränkung nicht vorgenommen hatte, sondern Vernunft für den Königsberger die Grundlage dafür war, logisch geknüpfte Gedankennetze zum Erfassen des Weltganzen zu schaffen. Naheliegend, dass es auf dieser Grundlage überaus unvernünftig ist, Vernunft auf den Aspekt einer ökonomischen Vernunft der Gewinnmaximierung zu reduzieren und der klassischen Philosophie als Erkenntnisprozess auf Basis menschlicher Vernunft das Vernünftig-sein abzusprechen.

„Angst ist vernünftig“

Jene Dame also sah sich veranlasst, „Vernunft“ auf ihren tatsächlichen, originären Grundgehalt als Existenzsicherung des Individuums zurück zu führen. Erkennend, dass es für das einzelne Lebewesen ebenso wie für jede soziale Gruppe überaus vernünftig ist, in allererster Linie den Selbsterhalt zu sichern (weshalb selbstverständlich auch Gewinnmaximierung individuell vernünftig sein kann ohne dabei von einem davon nicht partizipierenden Kollektiv als vernünftig akzeptiert zu werden), stellte sie scheinbar lapidar fest: „Auch Angst ist vernünftig.“

Das saß. Es saß nicht deshalb, weil es so überhaupt nicht philosophisch war – denn selbstverständlich ist es unvernünftig, ohne gedankliche Einbeziehung der Konsequenzen für sich selbst mutig zu sein – und der Feigling ist dieses letztlich immer nur der Vernünftige, der die Folgen seiner Handlungen weiterdenkt als der Mutige, der dem Feigling eben diese Eigenschaft vorwirft.

Doch es war nicht diese Lapidarität, die Scobel ein sichtbares Zusammenzucken über seine Züge gleiten ließ. Ihm, der zweifelsohne über eine im Rahmen seines ideologischen Phantasiebildes logische Denkstruktur verfügt, war unmittelbar bewusst, was diese Aussage – zu Ende gedacht – bedeuten musste. Denn wenn Angst als die abwartende, vielleicht auch ablehnende Zurückhaltung gegenüber dem Unbekannten, dem nicht einschätzbaren, als ein Grundmuster menschlichen Verhaltens per se und grundsätzlich im Sinne des Selbsterhalts vernünftig ist, dann käme ein fundamentales Argumentationskonstrukt des die öffentliche Diskussion dominierenden Bildungsproletariats krachend zu Einsturz. Weshalb Scobel blitzschnell schaltete, diese Gedankenkette ungeäußert abspulte und unvermittelt einen Nebenkriegsschauplatz eröffnete, auf dem sich alle Anwesenden dann wieder tummeln konnten, ohne den Ansatz der Dame weiterdenken zu müssen.

Von der Angst

Werfen wir deshalb noch einmal einen kurzen Blick auf „die Angst“, oder in ihrer etwas weniger ausgeprägten Form „die Furcht“, oder in ihrer schwächsten Form „die Befürchtung“.

Angst, ich sagte es bereits, ist ein natürlicher Abwehrmechanismus des Individuums oder des Sozialkollektivs gegen etwas, das eine Bedrohung für das Individuum oder das Kollektiv darstellen könnte. Die Abstufungen von Befürchtung bis Angst stellen dabei lediglich den Grad der wahrgenommenen Bedrohung dar: Angst, die im Extremfall zu Panik führen kann, beschreibt den Zustand der Uneinschätzbarkeit des akuten Unbekannten, mit dem der Betroffene konfrontiert wird. Sie ist, seitdem unsere Vorfahren zu Zeiten der Dinosaurier als Erdhöhlen-bewohnende Mammalia ihren Erderoberungsfeldzug starteten, der wichtigste Urinstinkt zur Überlebenssicherung. Ohne Angst wären diese Ratten-großen Tierchen sehr schnell von ihren Fressfeinden verspeist worden – und der Stammbaum der Plazentatiere wäre unbemerkt im Wurzelansatz verschwunden.

Angst ist als Urinstinkt etwas Unmittelbares. Sie erwächst aus der direkten Konfrontation mit der Gefahr. Um die Stufen der Angst am Beispiel zu verdeutlichen: Sie, lieber Leser, befinden sich aus welchem Grunde auch immer vor der Situation, einen ihnen unbekannten Urwald durchschreiten zu müssen. Das weckt in Ihnen Befürchtungen. Sie können nicht abschätzen, ob in diesem Urwald Tiere leben, die auf die unangenehme Idee kommen könnten, Sie als leichte Fressbeute zu erkennen. Mit dieser Befürchtung im Kopf treten sie ihren Weg an. Je tiefer Sie in den Urwald schreiten, je unübersichtlicher und wilder dieser wird, desto mehr wandelt sich Ihre Befürchtung zur Furcht. Diese Furcht vor dem Unbekannten dominiert nunmehr ihre Handlungen – Sie sichern in alle Richtungen und sind bemüht, möglichst unbemerkt den Wald zu durchschreiten. Plötzlich gewahren Sie im Dickicht vor sich Geräusche, die auf ein größeres Lebewesen hinzudeuten scheinen. Ihre Furcht wandelt sich zu Angst als dem Gefühl einer nunmehr tatsächlich unmittelbar bestehenden Bedrohung. Vermutlich werden sie schnell den Rückzug antreten in dem Versuch, die für Sie bedrohlich erscheinende Ursache der Angst hinter sich zu lassen. In diesem Moment geschieht es: Der Tiger springt aus seinem Versteck auf Sie zu. Ihre Angst wird zur Panik – Ihr Verhalten verliert jegliche bewusste Steuerung und Ihr Körper tut das, was ihm instinktiv die einzige Möglichkeit der Rettung zu sein scheint: In Panik rennen Sie weg und versuchen, der tödlichen Bedrohung doch noch zu entgehen. Einverstanden – in der geschilderten Situation dürfte Ihnen auch die Panik nicht mehr helfen – weshalb Sie vielleicht sogar sofort in Schockstarre verfallen und das Ende nun so blitzschnell über sie kommt, dass Sie es gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.

Was vernünftig ist

Nachdem wir nun diese Entwicklungsstufen der Angst durchgespielt haben, wird uns um so mehr bewusst sein, was jene Dame meinte, als sie Angst als „vernünftig“ bezeichnete.

Wenn aber Angst, als aus einer fast schon ausweglosen Situation geboren, vernünftig ist, dann ist auch Furcht vernünftig – und die Befürchtung gleichsam die Mutter aller Vernunft.

Was folgt daraus? Was folgerte Scobel daraus messerscharf? Die Antwort ist ganz einfach, und sie erfordert eine völlig andere Umgangsweise mit den vorgeblichen gesellschaftlichen Verwerfungen, mit denen wir derzeit ständig konfrontiert werden. Sie erklärt sogar, warum das, was die Matrix der Transformatorischen Revolution, weil vorgeblich uneingeschränkt unvernünftig, zum absoluten No-Go erklärt:

  • Es ist vernünftig, als Amerikaner Donald Trump zu wählen.
  • Es ist vernünftig, als Deutscher islamkritisch zu sein.
  • Es ist vernünftig, bei Pegida mitzulaufen.
  • Es ist vernünftig, die AfD zu wählen.

Es ist dieses jeweils vernünftig dann, wenn derartige Handlungen aus einer berechtigten Angst heraus entstehen, die nur in der jeweiligen Handlung einen existenzsichernden Ausweg erkennt. Es ist vernünftig dann, wenn dieses das Resultat einer auf Furcht basierenden, unbekannten Bedrohung ist, die fortlaufend als bestehend empfunden wird. Es ist selbst vernünftig dann, wenn nur die Befürchtung besteht, dass eine Bedrohung vorhanden sein könnte, solange diese Befürchtung nicht in der Sache nachvollziehbar ausgeräumt wird.

So war es für einen US-Amerikaner vernünftig, Trump zu wählen, wenn er sich durch das Clinton-Establishment abgehängt und unverstanden fühlt.

Es ist für den Deutschen vernünftig, islamkritisch zu sein, solange diese Ideologie einen Weltbeherrschungsanspruch vertritt und ihre archaischen Bräuche und Vorstellungen einer in ihren Traditionen gewachsenen Hochkultur aufzuzwingen versucht.

Es ist für den Dresdner oder Leipziger vernünftig, bei Pegida mitzulaufen, solange er in kulturfremden Zuwanderern eine Gefahr für sich und seine eigene Kultur erblickt und diese Gefahrenvermutung nicht ausgeräumt ist.

Es ist vernünftig, die AfD zu wählen, solange bestehende Befürchtungen der Wähler nicht durch andere Parteien ernsthaft aufgegriffen und diesen nachvollziehbar und in aller Ernsthaftigkeit entgegen gewirkt wird.

Was unvernünftig ist

All das schoss Scobel blitzartig durch den Kopf. Denn er begriff: Wenn Angst vernünftig ist, dann ist die Verteufelung von Angst unvernünftig. Dann ist es unvernünftig, die US-Trump-Wähler zu faschistoiden Idioten zu stempeln. Dann ist es unvernünftig, Islamkritik als rassistisch unter Strafandrohung stellen zu wollen. Dann ist es unvernünftig, die Pegida-Demonstranten als „Pack“ zu diffamieren. Dann ist es unvernünftig, AfD-Wähler pauschal als dummdeutsche Rechte auszugrenzen.

Und wenn all das unvernünftig ist, dann ist all das, was das transformatorisch-revolutionäre Kartell unternimmt, um die Vernunft als unvernünftig zu bannen, selbst unvernünftig.

Dann wäre es vielmehr einzig vernünftig, die Befürchtungen, Fürchte und Ängste ernst zu nehmen und die Ursachen all dieser Ebenen von Angst zu beseitigen. Dann wäre es vernünftig, die ideologische Ausgrenzung der vorgeblich Unvernünftigen unmittelbar einzustellen und, statt den Keil weiter in die Gesellschaft zu treiben, gemeinsam einen Weg der Vernunft zu beschreiten, der die Ängste überwinden kann.

Das allerdings würde voraussetzen, dass Meinungsführer wie Scobel selbst wieder vernünftig werden – und die Unvernunft ihrer geistigen Vordenker erkennen. Das jedoch müsste das fest implantierte Weltbild der wahren Unvernunft fundamental erschüttern – denn die Vernunft wäre schlagartig nicht mehr bei denen, die sie wider die Wirklichkeit für sich beanspruchen, sondern bei jenen, die ihrem Instinkt der Angst als Vernunft des Selbsterhalts folgen. Der Unvernünftige würde zum Vernünftigen und der Vernünftige zum Unvernünftigen – und das wider die Vernunft konstruierte Phantasiebild der transformatorischen Revolutionäre bräche wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Von Narrativ und Gegennarrativ

Scobel hatte all dieses unmittelbar erkannt. Und weil im Phantasiebild der Matrix nicht sein kann, was nicht sein darf, startete er sein Ablenkungsmanöver, welches dann sofort den Beweis lieferte, dass die hier aufgezeigte Kette der Logik in seinem intelligenten Kopf die richtigen Tasten angeschlagen hatte. Scobel lenkte um auf den Begriff der Nation, und beschrieb diesen als wider die Vernunft gerichteten, irrationalen Narrativ. Scobels fest eingebaute Assoziationskette funktionierte perfekt: Von Angst zu Pegida zu AfD zu Nationalismus – welchen er als überzeugter Linker nicht differenziert zum Nationenbegriff.

Seine Gesprächspartnerin hingegen offenbarte deutlich weniger Scharfsinn. Hatte sie mit ihrem kurzen Satz zur Vernunft der Angst einen bedeutsamen Stein aus dem Fundament des transformatorischen Phantasiebildes herausgebrochen, so fiel sie sofort auf den Stützbalken, den Scobel einzuziehen suchte, herein. Rein instinktiv reagierte sie auf den Schlüsselbegriff „Nation“ wie der Pawlowsche Hund, gab ihre Zustimmung zum besten und verkündete, dass gegen dieses Narrativ nun ein „Gegennarrativ“ aufgestellt werden müsse. Scobel war glücklich, dass der Rettungsversuch seines kurz vor dem Zusammenbruch stehenden Welterklärungsmodells so bereitwillig aufgenommen wurde. Seine Erleichterung war ihm anzumerken, als er nun umgehend mit einem überlangen, salbungsvollen Schlusswort, dessen Inhalt mir wegen seiner Bedeutungslosigkeit entfallen ist, das Ende dieser Sendung einläutete, die doch bei einer Runde wirklicher Philosophen das Ende von erträumten Weltbildern hätte einläuten müssen.

Verfangen in Märchenbildern

Damit wären wir nun eigentlich am Schluss – doch möchte ich mir für die Leser noch einen letzten, erklärenden Hinweis erlauben – denn es scheint geboten, wenn doch von „Narrativ“ und „Gegennarrativ“ die Rede ist, diese aktuellen Modewörter der Matrix kurz zu erläutern.

Narrativ steht für nichts anderes als Erzählung. Wird es im Zusammenhang mit den Gegnern der transformatorischen Revolutionäre angewandt, dürfen wir es getrost mit Märchen übersetzen. Weshalb die Scobel-Runde sich schnell darin einig war, dem von ihr als Ergebnis von Märchenerzählungen empfundenen Begriff der Nation durch ein schöneres, hübscheres Märchen ersetzen zu wollen, welches jedoch unerzählt blieb.

Nun bin ich zwangsläufig auch wieder bei dem Scobel-Wikipedia-Eintrag. Denn wenn für den Redakteur „Nation“ ein Begriff aus der Märchenwelt ist, dann ist natürlich ein „deutscher Philosoph“ nichts anderes als eine Märchengestalt, weil es etwas „Deutsches“ eben nur im Märchen gibt. Vielleicht aber auch reicht es, an dieser Stelle festzuhalten, dass die transformatorischen Revolutionäre, die ihr Narrativ einer non-faktischen, gegen die kantische Vernunft gerichteten Philosophie zur gedachten Wahrheit verklären, in der Wirklichkeit eben nichts anderes als Märchenerzähler sind. Womit wir dann zwangsläufig zu der Feststellung kommen, dass sich die Bürger der Bundesrepublik kollektiv in einer geträumten Märchenwelt bewegen. Das allerdings ist jenseits jeglichen Narrativs nicht wirklich eine neue Erkenntnis.

©2016 spahn

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